Von Hansjakob Stehle

Rom, Ende August

Schwarz oder weiß, nein: grau – oder eben ein nicht ganz reines Weiß? So wie das Rauchzeichen, dieser einzige drahtlose Kontakt der den Papst wählenden Kardinäle zur Welt, die Menschen auf dem Petersplatz zunächst ratlos zum Kamin auf der Sixtinischen Kapelle starren ließ, so widersprüchlich ist jetzt das – vorschnelle – Urteil über den Mann, der sich die Namen seiner beiden Vorgänger wie ein doppeltes, doch eben deshalb nicht ganz eindeutiges Gütezeichen zugelegt hat: Johannes Paul I.

Niemand (außer einem kommunistischen Abendblatt) hatte Albino Luciani, den Patriarchen von Venedig, als einen "Spitzenkandidaten" betrachtet; kaum jemand hatte ihn auch nur im Kreis der möglichen "Papabili" gesehen – er selbst schon gar nicht. Nicht fromme Koketterie, sondern sein Sinn für Humor, der über Verlegenheit hilft, ließ ihn schon in der ersten Stunde den Finger gegen seine Kardinalskollegen erheben: "Gott möge euch verzeihen, was ihr mit mir gemacht habt." Was aber hatten die 111 "Kurfürsten" der römischen Kirche im Sinn, als sie Albino Luciani wählten? Wollten sie nach dem grüblerischen Priester-Diplomaten Paul auf dem Papstthron wieder einen schlichten, geradlinigen Seelsorger? Wählten sie mit Luciani den einstigen Dorfpfarrer, den "Leutebischof" mit dem Herz für die Armen? Den Weltunkundigen, an dem die Weltklugheit römischer Monsignori abprallen könnte? Oder den dogmenstrengen Theologen aus der Provinz, den vorsichtigen, vielleicht sogar risikoscheuen Verwalter?

Da die Schnelligkeit, mit der sich die Kardinäle wider alles Erwarten schon am ersten Wahltag im vierten Wahlgang entschieden, nicht unbedingt auf mangelnde Klarheit schließen läßt, schießen die Spekulationen ins Kraut. "Ein Arbeitersohn, ein sozial engagierter Pastor, wenn auch nicht gerade ein Linker", beruhigen sich die einen. "Ein konservativer guter Hirte, der die verstreute Herde wieder in den rechten – wenn auch nicht reaktionären – Pferch führen wird", so möchten ihn die anderen sehen. Die Kardinäle aus fünf Erdteilen aber wollten in Wirklichkeit einen Papst, der in keine politische, theologische oder gar ideologische Schablone paßt. Als sie am 25. August ins Konklave ohne irgendeine Absprache einzogen (wie man ihnen jetzt nachsagt), ja ohne Aussicht, daß einer der ihren so leicht die Zweidrittelmehrheit finden könnte, da vereinte sie doch – außer dem gemeinsamen Glauben – eine Entschlossenheit: der Welt nicht das unerbauliche Schauspiel einer langwierigen Papstwahl zu bieten. Gerade weil sie hinter verschlossenen Türen abläuft, würde sie nur den Spekulationen über innerkirchliche Differenzen und Parteiungen Auftrieb geben.

Das heißt nicht, daß es dergleichen nicht gäbe. Noch am Tage des Konklavebeginns beklagte der deutschsprachige Osservatore Romano die Existenz einer "statistisch sturen Rechten" und einer "frenetisch-hetzenden Linken" in der katholischen Kirche. Aber vom Echo solcher Konflikte, das die letzten Regierungsjahre Pauls VI. verunsichert hatte, blieb hinter den verriegelten Türen des Konklave nur noch die allen Kardinälen gemeinsame Sorge um die kirchliche Zukunft hörbar.

Die beiden ersten Wahlgänge – kaum mehr als Meinungstests – brachten eine breite, fast hoffnungslose Verteilung der Stimmen auf zahlreiche Namen, die schon in der Öffentlichkeit genannt und deshalb "abgestempelt" waren. Bedrückt von dieser Lage, aber auch von der brütenden Hitze hinter versiegelten Konklave-Fenstern, fragten sich die Kardinäle in der Mittagspause des 26. August, ob nicht der Name eines bisher kaum Genannten einen Ausweg bieten könnte. Psychologen mögen es als Gedankenübertragung in einem Kreis von Gleichgesinnten deuten oder auch die natürliche Tendenz nennen, eine Lösung anzusteuern, gegen die niemand Einwände hat, wenn sich schon keine findet, die jedermann begeistert – das erlebten alle frommen Konklavekardinäle wie eine plötzliche, willkommene Erleuchtung durch den Heiligen Geist. "Es war fast wie ein Wunder", sagte einer von ihnen und meinte auch das frohe Aufatmen, das durch die Sixtinische Kapelle ging, als man – fast einstimmig – der Qual dieser Wahl entronnen, war.