Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf, Ende August

Wenn jene reden, die der Hölle entrannen. An einem der Düsseldorfer Gerichtstage sagte der israelische Zeuge Festes Ziporra am Ende seiner Befragung: "Es ist noch niemand geboren worden, der das Leben in Maidanek beschreiben könnte. Maidanek war unbeschreiblich. Sie haben Tiere aus uns gemacht." Das, eigentlich, sagt alles – über die Opfer, über die Schergen. Und es sagt doch – bedenkt man nur, wie viele damals in diesem einen Vernichtungslager ermordet wurden und wie sie ermordet wurden – fast nichts.

Soviel nur zur Erinnerung: In dem Lager Maidanek, fünf Autominuten von Lublin entfernt, wurden von 1941 bis 1944 mindestens 250 000 Menschen umgebracht (laut Anklage), wahrscheinlich aber über eine Million (gemäß Angaben der polnischen Untersuchungskommission; nach der Befreiung der übriggebliebenen Lagerinsassen durch sowjetische Truppen am 23. Juli 1944 wurden 820 000 Paar Schuhe gefunden). Die "Häftlinge" genannt wurden – und fälschlicherweise so auch im Gerichtssaal noch genannt werden –, wurden "gasiert, erschossen, erdrosselt, ertränkt, erschlagen; Kinder, den Müttern aus den Armen gerissen, wurden häufig lebendig ins Feuer geworfen. In der Rückschau nennen Zeugen Maidanek eine "Todesfabrik", einen "Schlachthof".

Doch es gibt kein Wort für dieses Grauen, dieses Leiden, diesen Tod. Aber es gibt die Schicksale der wenigen, die davonkamen, ihre Erinnerung, die sie in den 35 Jahren danach immer wieder loswerden wollten und die sie jetzt, im Angesicht der Angeklagten, oft übermannt. Und es gibt – aufgereiht vor dem Richtertisch, unter den Männern, vor allem unter den Frauen, denen Mord zur Last gelegt wird – Angeschuldigte, denen man in den Prozeßpausen auf dem Gerichtsflur mitten ins Gesicht sehen kann: Das waren sie also – die "Stute", die ihre Opfer in die Erschießungsgrube trat; die "blutige Brygida", die sie in den Tod trampelte; den "Todesengel", der mit dem Fahrrad durch das Lager fuhr und jeden, den er abholte, auch tötete. Vor dem Fenster, einem kitschigen Jesus-Kolossal gemälde gegenüber, stehen sie zusammen, rauchen, abgeschirmt von einer Mitarbeiterin der rechtsradikalen National- und Soldatenzeitung, dem einzigen Blatt, das in diesem Prozeß regelmäßig vertreten ist.

Montag letzter Woche. Es ist der 277. Tag der "Hauptverhandlung in der Strafsache gegen Hackmann und andere" vor der 17. Großen Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf, Saal III. Der Zeuge Stanislaw Baranowski hat das Wort. Der Direktor eines staatlichen Transportunternehmens in Warschau war schon einmal angereist und mußte unverrichteter Dinge wieder zurückfahren. Eine der üblichen Terminverschiebungen während des Prozesses hatte seine Aussage verhindert. Jetzt aber soll er reden, ehe der eine Ergänzungsrichter wegen eines Wirbelsäulenschadens ins Krankenhaus und das Verfahren für höchstens zehn Tage unterbrochen werden muß.

Aber Stanislaw Baranowski, heute ein kräftiger, gesund aussehender Mann, damals ein 18jähriger "Politischer" in Maidanek, kann kaum fünf Minuten hintereinander die Fragen des Vorsitzenden Richters beantworten. Er zieht seinen Krawattenknoten auf, bedeckt mit beiden Händen sein Gesicht, greift nach dem Glas mit Wasser, er stöhnt auf, schüttelt wie unter Schlägen den Kopf, bringt kein Wort heraus, bittet um eine Unterbrechung. Nachdem er sich erinnert hat, wie einmal Kinder von einer der Angeklagten mit einer meterlangen Schöpfkelle und einem Kübeldeckel blutig geschlagen wurden, als sie ausgelaufene Suppe vom morastigen Boden aufleckten, meldet sich der Gerichtsmediziner zu Wort: "Der Zeuge hat blaue Lippen. Wir müssen hier erst einmal abbrechen." Was der herzkranke Baranowski aussagt und was die Angeklagten vor ihm gleichgültig anhören, läßt das Blut stocken.