Sie gelten als intelligent, die Fluglotsen, und wahrscheinlich sind sie es auch. Aber Intelligenz schützt nicht vor Dummheit.

Wie auch einmal die deutschen Fluglotsen einen sogenannten Bummelstreik machten, so fingen ihre französischen Kollegen (und nicht zum erstenmal) eine "grève de zèle", einen "Eiferstreik" an, das heißt: Um ihre Forderungen an die Fluggesellschaften und damit auch an den Staat durchzusetzen, tun sie das, was sie "Dienst nach Vorschrift" nennen und nicht einen Strich mehr. Da sie eigentlich nicht streiken dürfen, ist diese Form äußerster "Pflichterfüllung" ihr Ersatz für den Streik, zu dem sie sich, wie sie immer wieder betonen, genauso berechtigt glauben, wie andere Angstellte. Ob sie Gründe für ihre Forderungen haben oder nicht, wollen wir hier nicht zur Debatte stellen. Was die Umwelt empört, ist ihre Parole: "Pflichterfüllung und nichts weiter!" Oder "Arbeit so langsam wie nur möglich". Nach diesen Prinzipien haben auch die französischen Zollbeamten schon operiert.

Das Resultat waren Autoschlangen an den Grenzen, Schimpfkanonaden, Beamtenbeleidigungen, Nervenzusammenbrüche. Dabei wußten die Zöllner natürlich, daß sie Unschuldigen Ärger machten und Schaden brachten und dabei nur Zorn und Mißachtung ernteten. Die Zöllner zuckten die Schultern: So etwas mußte eben in Kauf. genommen werden. War das klug?

War es dumm?

Bei solchen Unternehmungen ist der richtige Moment wichtig. Mit den Fluglotsen kommen gemeinhin weit weniger Menschen in Berührung, als mit Zollbeamten. Wer ein Flugzeug benutzt, wird es sich leisten können, so heißt es. Die armen Leute fliegen nicht. Sie bleiben auf dem Boden. Eine "grève de zèle" in normalen Zeiten macht also wenig Aufsehen. Dafür liegen Beispiele vor. Aber zweimal im Jahr ist die Gelegenheit günstig: Anfang August, wenn die Urlauber ausfliegen, und Ende August, wenn sie heimfliegen wollen. Jetzt kann die Bummelaktion der französischen Luftlotsen nicht nur Frankreich, sondern auch ganz Europa treffen. Und gute Europäer, die sie schon von Beruf ans sind, nehmen sie diese Gelegenheit beim Schopf.

Nach dem alten Spruch nicht besonders feiner Geschäftsleute "Man muß das Schäflein der Armen scheren" nehmen sie sich vornehmlich auch der Gastarbeiter an, die, wie die Urlauber, auf möglichst billige Charter-Flüge angewiesen sind. Wenn sie diese nach dem Prinzip "Dienst, doch ohne Eifer" behandeln, erregen sie obendrein ein ganz anderes Aufsehen.

Wann hörte man je portugiesische und spanische Arbeiter durch die Hallen der Pariser Flughäfen Roissy und Orly ziehen mit dem Ruf: "Wir wollen Flugzeuge!" Wann meldeten Zeitungen, daß Verspätungen im Flugdienst bis zu acht Stunden und darüber hinaus, dauerten? Wann zeigten Fernsehen, Filme und Photos Szenen, in denen müde Frauen und hungrige Kinder auf nacktem Boden kauerten: das reinste Elend auf luxuriösen Flughäfen? Wann hatten Flugsicherungsleute eine so großartige Gelegenheit, ihre eigenen Kunden so unsicher zu machen?