Im Jahr 1970 verläßt ein junger Mensch aus gutbürgerlichem Hause seine Heimat Dänemark und Europa, reist in ein reiches, schönes Land: Amerika < Er ist glücklich darüber, "aus und er fühlt sich, in der Neuen Welt angelangt, sofort wie ein neuer Mensch: "Im gleichen AugenDoch dann erlebt er mitten in dem reichen, schönen Land, im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, Szenen wie aus schrecklichen Märchen der Vergangenheit oder einer noch schlimmeren Zukunft: "Eines Morgens hackte ich Holz für gerät unter Mörder, Trinker, Drogenabhängige — wohnt in Slums, in Wohnungen, die längst unbewohnbar sind, in denen sich eine elende Lebensgemeinschaft aus Menschen, Müll und Ratten zusammengefunden hat. Damit man seine Erlebnisse nicht für Märchenerzählungen hält, von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, photographiert er, was er sieht, mit einer simplen Kleinbildkamera, oft unter Gefahr für das eigene Leben. Und als er zurückkehrt nach Europa, passiert noch etwas Märchenhaftes: seine Bilder, Briefe und Tagebücher, zu einem Buch" zusammengefaßt, werden ein Erfolg, ein Bestseller sogar — ,.

, Jacob, Holdt; Bilder aus; ; Amerika — Eine Reise durch das schwarze Amerika", aus dem Dänischen von Peter Jacobi; S. Fischer Verlag; Frankfurt, 1978; 272 S, 36 — DM.

Jacob Holdt hat seinen Erfolg bestimmt so nicht vorhergesehen. Aber die Wirkung seines Berichts und seiner Bilder hat er fast zynisch vorausbedacht: "Ich kann mich des Gefühls nicht Es könnte sein, daß man Holdts "Bilder aus Amerika" nicht als Dokumente der Realität (und als dringende Aufforderung, diese Realität zu verändern) betrachtet, daß da auch ein gruselndes Wohlbehagen im Spiel ist, ganz ähnlich dem Genuß an Schauermärchen, Science fiction, Katastrophenfilmen — Holdt, der ein Buch über und für die Erfolglosen gemacht hat, wird den eigenen Erfolg nicht überschätzen. Als Holdts Landsmann (und Vorbild) Jacob Rüs um die Jahrhundertwende amerikanische Elendsquartiere photographierte ("How The Other Half Lives"), da brachte die Erschütterung über seine Bilder die Politiker immerhin dazu, ein paar Slums zu sanieren, ein paar Parks anzulegen. Daß Holdts Bericht aus den siebziger Jahren nieht nur Erfolg hat, sondern auch Wirkungen, darf man bezweifein — auch wenn über Amerika jetzt einer regiert, der von Menschenrecht und Menschenliebe schöner predigt als alle seine Vorgänger. Dabei ist, und auch das mag ein Grund für den Erfolg sein, Holdts Buch nicht nur politisches Dokument, sondern genauso humanitäre, revolutionäre Predigt. Das jugendbewegte Vokabular der späten sechziger Jahre und die protestantische Innigkeit von Holdts Pastoren Elternhaus verbinden sich in seinen Texten auf eine nicht immer leicht erträgliche Weise. Etwas zu oft und zu laut bekennt Holdt, wie sehr er alle Menschen liebt, besonders die im Unglück, aber auch die, die dies Unglück verschuldet haben, die Ausgebeuteten genauso wie ihre Ausbeuter. Seine emphatische Behauptung Kapitalisten und Kriminelle seien verbünden in demselben "unsäglichen Bedürfnis frommer Gesang zu sein als politische Prosa, Und trotzdem: über jeden Versuch, Holdt als einen zwar ehrenwerten, aber weltblinden moralischen Schwärmer abzutun, ist das Buch souverän erhaben. Dehn die Predigt des Jacob Holdt ist keine fanatisch selbstgerechte, sondern eine voller, Ironie und Selbstkritik. Sein Buch, sagt er, ist das Buch eines "Vagabunden": "Wissenschaftler werdaß ein Landstreicher viel erfolgreicher sein kann als alle akademischen Eminenzen; und daß die Bücher, die Amerika verändert haben (von "Onkel Toms Hütte" über Jacob Riis" Photo , graphien bis zu Cleavers Soul on Ice" und Haleys "Roots") nicht gerade Standardwerke der politischen Wissesschaft sind.

Holdts erstaunliche Hauptthese: es gibt keine Glücklichen und weniger Glücklichen in den USA, sondern ein ähnliches Unglück auf allen Stufen der Gesellschaft. Bei den Reichen (sogar bei den Rockefellers und Kennedys) entdeckt er die gleiche Leere, Trunksucht, Hilflosigkeit wie bei den Niedergedrückten und Armen: "Immer Holdt glaubt zuversichtlich an eine Haß für unnatürlich) — deshalb gibt es in seiner politischen Philosophie (Theologie) keinen einzelnen Schuldigen, sondern nur den großen, anonymen Gesamtschuldigen — ihn nennt er "das erklärenden Widerspruch zwischen dem von. Natur aus guten Menschen und dem bösen, böse machenden System. Daß der Widerspruch auch in, den Menschen selber liegen könnte, daß die politischen Unterdrückungssysteme auch deshalb so haltbar sind, weil sie mit der Machtgier von Individuen rechnen können, daß das "schlechte" System ja_von den angeblich guten Menschen geschaffen wurde und verteidigt wird: solche skeptischen Überlegungen erlaubt sich Holdt nicht — kann sie sich vielleicht auch gar nicht erlauben, will er nicht vor dem Elend, das er sieht, kapitulieren.

Motto des Buches, ein Zitat des kubanischen Freiheitskämpfers Jose Marti. Machiavelli hätte es genau andersherum formuliert (an das Schlimmste glauben und das Beste in Zweifel ziehen) — und natürlich haben es die Machiavellisten aller Länder, die sich heute lieber "Macher" nennen, leicht, Holdts Text als ein Produkt der politischen Romantik zu diffamieren. Der Einwand, die Realität sei viel komplizierter als Holdts System Mensch Modell, mag ja richtig sein. Nur kann kein politisch kluger Vorbehalt auslöschen, was auf Holdts Bildern zu sehen ist. Denn der Romantiker Holdt hat sich selbst in das Elend begeben, ist also weit eher ein Realist zu nennen als einer, der die Welt nur noch aus der Perspektive von Börsenberichten und Sozialstatistiken, von Regierungsverlautbarungen und politischen Leitartikeln wahrnimmt, Holdts Photos sind Amateurphotos, wie es noch nie welche gegeben hat. Der gewöhnliche Amateur, der Photoliebhaber, ist einer, der sein Hobby, das Photographieren, und vielleicht auch die dazu notwendigen Geräte "liebt". Der Amateur Holdt ist ein Liebhaber der Leute, die er photographiert. Noch niemand (auch nicht Jacob Riis) hat das Elen4 und det Elenden so unphotogen photographieö — so unbesorgt um Ausschnitt, Komposition und Technik. Es ist eine große Einfachfieit, ja Unschuld in diesen Bildern. Jeder Photographierte (der arbeitslose Schwärze genauso wie der drogensüchtige Weiße, die Greise wie die Kinder in den Slums) ist ein Partner des Photographen, keiner posiert, keiner fühlt sich als Hauptdarsteller in einer düsteren Sozialballade. Man mag Holdts Formulierung von der haft finden — die Photos sind wie ein Beweis. Und dennoch ist dies kein trostreiches Buch, keines zur Erbauung (über "die unzerstörbare Menschlichkeit noch in der tiefsten Not", oder so ähnlich), sondern, ein ziemlich trost loses. Vergleicht man Holdts Bilder mit denen eines anderen Reporters des Elends, die jetzt zum erstenmal in Deutschland publiziert werden — Weegee: "Täter und Opfer — 85 Photographien", mit einer Einleitung von John Coplans; SchirmerMosel; München, 1978; 19 80 merkt man, wie optimistisch der angeblich zynische Sensationsreporter Weegee in den dreißiger und vierziger Jahren photographiert hat, und wie depressiv der ausdrücklich philanthropische Jacob ;Ho!dt.

. Beide Photographen haben ähnliche Sujets— Arme, Säufer, Kriminelle; alle, die an Amerika krankgeworden sind. Doch Weegee war ein Profi — er suchte und verkaufte Sensationen. Das Elend, das er zeigt, istein dramatisches, vielleicht vom Photographen dramatisiertes; aufcHpldts Bildern sieht das Elend undrämatkeh ynd schäbig aus. Weegees Photos sind voller Bewegung und Energie;, Holdts Bilder- sind statisch, die Menschen darauf apathisch, In Weegees Bildern ist dti- Mord ein Drama, der Mörder ein extrem Handelnder; bei Holdt ist er nur noch ein extrem Getriebener. In den Straßen- und Slurnszenen Weegees ist in allem Grauen noch etwas Abenteuerliches zu entdecken; Holdts Figuren haben sich (wie wir) an das Grauen längst gewöhnt. Weegee, das Eihwandererkind, in den Slums aufgewachsen, ist den Slums entkommen, hat Karriere gemacht — eine alte amerikanische Geschichte. Holdt, der Bürgersohn, ist von draußen gekommen — nicht heimisch im Schrecken wie Weegee, sondern vom Schrecken überwältigt. Weegees Bilder sind voller Aggressivität "Ihr erster Mord" heißt eines: ein Haufen Neugieriger, vor einer Leiche offenbar, die Kamera blickt in entsetzte, aufgeregte, gierige, sogar amüsierte Gesichter. Bei Holdt, für den nur das System aggressiv ist, gibt es keine Szene dieser Art. Und während Weegee seine Menschen vor allem auf den Straßen, am Strand, in billigen Kneipen aufgesucht hat, an Plätzen, die immer auch Schauplätze, theatralische Szenerien sind, photographiert Holdt am häufigsten Innenräume, "Wohnungen" : Schmutz und Chaos, darin ein Mensch mit müdem, oft erstorbenem Gesicht. Für Holdt gibt das Unglück nicht einmal mehr ein Schauspiel ab.

Zwei Leute photographieren, in zwei verschiedenen Epochen, das "andere Amerika". Zwei Männer mit denkbar unterschiedlichen Biographien und Ambitionen, zwei "extrem verschiedene Temperamente. Doch erklärt das allein schon den Abstand zwischen ihren zunächst so verwandten Bildern? Oder ist das Amerika, das Weegee photographierte, ein anderes Land als das von Jacob Holdt? Diese merkwürdige Energie, fast Zuversicht der Verdammten bei Weegee — und ihre Apathie bei Holdt: das dokumentiert auch ein Stück amerikanischer Geschichte, amerikanischen Niedergangs. In Weegees Bildern des Elends ist noch so etwas wie Stolz zu entdecken, der Stolz sogar des Unglücklichen, einter großen Nation anzugehören, die Hoffnung 1 auch des Verlierers, eines Tages ein Sieger zu sein. Auf Jacob Holdts Photos sieht man ein geschlagenes Amerika, nach Vietnam — eine kollektive Depression, die alle diese Einzelbilder des Schreckens verbindet. Jacob Holdts Buch ist ein Erfolg geworden; und vielleicht wird Holdt bald noch berühmter sein als Weegee, der sich selbst "The Famous" nannte und ein Genie war. Und vielleicht bewirkt sein Bericht doch mehr als ein paar sentimentale Seufzer in der liberalen Intelligenz. Keiner, der diese Photos sieht, kommt an der Frage vorbei, was denn eine bürgerliche Freiheit wert ist, die es einer großen Minderheit nicht einmal annähernd erlaubt, wie Bürger, zu leben. Wenn die UdSSR Jimmy Cariers Menschenrechtsappelle mit Hinweisen auf das Elend der amerikanischen Neger höhnisch zurückweist, dann ist das sicher gute alte Ganoventaktik: die eigenen Untaten mit denen der anderen zu entschuldigen. Doch falsch ist die Attacke deswegen nicht. Wenn Jimmy Carter Jacob Holdts Buch liest (hoffentlich tut ers), wird er sich fragen müssen, wie glaubwürdig ein Präsident, ist, der fromm- und frömmelnd, fikjdie Freiheit anderswo, kämpft, aber Millionen seiner Mitbürger nicht einmal die einfachste Freiheit verschaffen kann: das Recht auf ein Leben schon vor dem Tod.