Brüssel will nun auch den Markt für Schaffleisch reglementieren

Und wenn alles zu Bruch geht, kommt bestimmt auch noch einer und will dann eine Marktordnung für Wanzen." Mit diesen Worten geißelte Josef Ertl vor kurzem in Brüssel die zunehmende Perfektionierung des gemeinsamen Agrarmarktes durch immer neue Subventionen, Einfuhrschleusen und andere "ordnende" Eingriffe. Nun fällt ausgerechnet dem Bonner Ernährungsminister während seiner halbjährigen Amtszeit als Präsident des Agrarministerrats der Europäischen Gemeinschaft (EG) die Aufgabe zu, das grüne Europa dadurch zu vervollkommnen, daß für die letzten noch nicht einer EG-Regelung unterworfenen Erzeugnisse – Schaffleisch, Kartoffeln und Alkohol – vom Ministerrat Marktordnungen erlassen werden.

Vor allem die geplante Marktordnung für Schaffleisch hat es in sich. Sie kann den Franzosen nicht protektionistisch genug, den Briten nicht freihändlerisch und den Deutschen nicht sparsam genug sein – und vereinigt damit alle Elemente eines langdauernden Interessenkonflikts zwischen den EG-Partnern. "Das ganze gleicht", so sieht es ein Experte der deutschen EG-Botschalt in Brüssel, "der Quadratur des Kreis",

Daß Schafhälften, Hammelkeulen und Lammkoteletts überhaupt in das Korsett einer EG-Marktordnung gezwängt werden sollen, geht den meisten Beteiligten überhaupt gegen den Strich. Der jährliche Verbrauch in der 16 beträgt insgesamt nur 800 000 Tonnen. Nur 534 000 Tonnen werden aus eigener Produktion geliefert. Der Rest wird importiert, zum überwiegenden Teil aus Neuseeland, das mit etwa 200 000 Tonnen gefrorenem Lammfleisch ungefähr die Hälfte des britischen Bedarfs deckt. Zwischen den Mitgliedstaaten der EG, von denen außer in Großbritannien nur noch in Frankreich die Menschen in nennenswerten Mengen Schaffleisch essen, werden kaum mehr als 80 000 Tonnen Frischfleisch gehandelt.

Daß für diesen winzigen Markt, mit dem, wie man in der deutschen EG-Botschaft weiß, "alle doch ganz happy sind", nun eine Marktordnung maßgeschneidert werden soll, mit der weder Verbraucher, noch Produzenten oder Importeure glücklich werden werden können, geht auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes aus dem Jahre 1974 zurück. Danach kann es in einem gemeinsamen Markt entweder nur gemeinsame, für alle Mitglieder gültige Marktordnungen geben, oder es darf gar keine geben. Für Schaffleisch, für das bis zum Ende des vergangenen Jahres in Frankreich noch eine nationale Marktordnung mit Einfuhrkontingenten und Schwellenpreisen existierte, muß daher nun der paradiesische Zustand der einzelstaatlichen Marktregulierung zu Ende gehen.

Das aber ist einfacher gesagt als getan. Als die EG-Kommission Anfang 1978 die französische Regierung aufforderte, die Abschottung des französischen Marktes gegenüber Lieferungen aus dem übrigen Neuner-Klub aufzugeben, wurde sie einfach ignoriert. Auch eine nochmalige Aufforderung mit Fristenverlängerung blieb unbeachtet.

Die gallische Nonchalance ist begreiflich. Denn in Frankreich ist Schaffleisch, anders als in England, keine Alltagsnahrung, sondern eine Delikatesse. Gigot d’Agneau kostet daher in Paris doppelt so viel wie in London. Andererseits würde ein Franzose lamb cutlets, wie sie jenseits des Kanals mit neuseeländischen Gefrierschiffen angeliefert werden, nie anführen. Zwar wäre es denkbar, daß sich die neuseeländischen Produzenten eines Tages auch auf die besondere Geschmacksrichtung französischer Konsumenten einstellen. Doch genau dies scheint der Grund zu sein, warum Paris eine Öffnung des französischen Marktes durch eine generöse EG-Regelung für