"Rausch – Ekstase – Mystik – Grenzformen religiöser Erfahrung", herausgegeben von Hubert Cancik. Der Titel, plakativ, appellativ, im Vorwort ausdrücklich auf Alkoholmißbrauch, Drogen-Tote, Massenhysterien bezogen, verrät seine Herkunft kaum: Er bezeichnet das zentrale Thema einer Ringvorlesung an der Universität Tübingen. Die außergewöhnliche Aktualität akademischer Analyse führte den Herausgeber, Hubert Cancik, zur Präsentation von neun der 12 Vorträge in einem Paperback. Die Weite des Ansatzes ist erstaunlich: indische, islamische, indonesische Mystik sind einbegriffen (Halm, Schreiner, Marschall), auch grundsätzliche Gedanken über Phänomenologie und Terminologie von Ekstase und Mystik in ihrem anthropologischen und soziologischen Kontext sind vorgegeben (Gladigow); "Alkohol und Industrialisierung" werden als "spezielles Kapitel der Kulturgeschichte des Rausches" ebenso dargestellt (Jeggle) wie "Rausch und Ekstase" ("Hoffnung und Enttäuschung" als psychologische Probleme). Die gewichtigste Frage – die Stellung des Menschen zum Schmerz – greift Cancik selber auf, indem er die "Grundzüge, franziskanischer Leidensmystik" als Beitrag "Zur Religionsgeschichte des Schmerzes" skizziert, während H. Halbfas "Die Vermittlung mystischer Erfahrung" behandelt. Der grundlegende Satz, der gegenwärtige Konflikte und akademische Ausführungen verbindet, findet sich in Hans Mayers abschließendem Essay über "Hesses magisches Theater" und zitiert des vieründzwanzigjährigen Autors vorwegnehmende Autobiographie: "Ohne Magie war diese Welt nicht zu ertragen." Dieses – vielfach unbewußt empfundene – Defizit an "Magie", das von Gottlosen und Gewissenlosen, von Geschäftstüchtigen und Gesinnungstüchtigen mit gemeinsamer Gemeinheit gern genutzt wird, das mitunter zu makabren Formen und Vorgängen führt und verführt, sieht man nach der Lektüre der vielfältig anregenden Anthologie mit anderen, wacheren Augen als zuvor. Sie erreicht ihr im Vorwort formuliertes Vorhaben: "Information, Analyse, geschichtliche Besinnung, Aufklärung, vielleicht provozierte Erkenntnis." (Patmos Verlag, Düsseldorf, 1978; 184 S., 26,– DM.) Bernhard Kytzler