Berlin: "Tetsumi Kudo"

Seit zwanzig Jahren habe er immer wieder Künstlerporträts gefertigt, sagt Tetsumi Kudo, der aus Paris kommt und seit Anfang des Jahres als Gast des DAAD-Künstlerprogramms in West-Berlin lebt. Und er tut es noch immer. Symbol und Synonym für den Künstler ist dem 43jährigen Japaner, der sich auch als Happening-Mann internationales Renommee erwarb, der Dichter Ionesco. Dessen Kopf bildet er unentwegt aus Kunststoff nach und setzt ihm oft – zweites Leitmotiv von Kudo – in einen Vogelkäfig. Zuvor hat er den Künstler-Kopf jedoch einem rigorosen Deformationsprozeß unterzogen, so daß er sich nun als Groteske präsentiert Kombiniert wird diese Absurdität dann mit kräftigen Sexualsymbolen. In allen, ebenfalls verrotteten, deformierten Formen geistern Phalli durch den Käfig, in dem sich außerdem Attribute einer verfallenen Zivilisation befinden, elektrische Drähte, elektronische Widerstände, aber auch künstliche Blumen und Tiere. Es sind alptraumhafte Szenerien, die konsequent dem Prinzip der Anti-Ästhetik folgen. Kudo will mit diesen Kunst-Käfigen provozieren, will den Betrachter schaudern machen und ihn – da kommt Buddhismus ins Spiel – zur Meditation animieren. Er selbst tat es zur Vernissage, indem er sich in einen überdimensionalen Käfig setzte, denn der Käfig als Kultgegenstand ist ihm Anfang und Ende des Lebens, von der Gebärmutter über die Wohnung bis zum Sarg. (Galerie Wunderland, bis 22. September, Katalog 2 Mark) Daghild Bartels

Nürnberg: "Vorbild Dürer"

Für die Dürer-Forschung mag es nützlich sein, die originalen Druckgraphiken des Nürnberger Meisters und die nach seinen Blättern angefertigten Kopien vergleichen zu können. Als Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums zum 450. Todestag Dürers ist das ein bißchen wenig, der Veranstalter hat versäumt, der schlicht quantitativen Dokumentation ein Thema zu geben. Die große Zahl der Nachbildungen, gegen die der Autor sich mit Copyright-Ansprüchen zur Wehr setzte (teilweise mit Erfolg), ist natürlich ein handfestes Indiz für den Rang, den Dürers Kupferstiche und Holzschnitte in der Kunst seiner Zeit (und darüber hinaus) einnahmen. Die ausgedehnte Kopistentätigkeit läßt den Rückschluß zu auf den Einfluß, den die Bilderfindungen ausübten – darüber ist in der Ausstellung nichts zu erfahren. Die an der Chronologie der Originale orientierte Hängung reiht die Beispiele einfach aneinander. Die nördlich der Alpen entstandenen Nachstiche sind technisch gekonnter als die südlich der Alpen entstandenen, die Italiener haben zudem oftmals seitenverkehrt reproduziert, Merkmale der Kopien, die der Betrachter vermutlich sieht, deren Konsequenzen ihm aber nicht erläutert werden. Rechts und Links im Bilde ist durch die Komposition bedingt, vertauscht ergibt das einen anderen Sinn. Es wäre interessant zu wissen (wonach die Ausstellung nicht fragt), ob irgendwelche italienischen Künstler, in Unkenntnis der Originale, sich haben inspirieren lassen von den seitenverkehrten Kopien. Überhaupt ist die Vermittlerfunktion der Blätter nach Dürer nirgends dingfest gemacht, ebensowenig die durchaus kuriose Tatsache, daß Italiener von italienischen Vorbildern abhängige Graphiken Dürers wieder reitalianisiert haben, Dürers Fassung neuerlich redigierend. Die Kopien sind nämlich nicht immer wörtlich, obschon fast durchweg auf ein bestimmtes Blatt bezogen. Bloße Zitate allerdings bleiben ausgeklammert. Damit hat die Ausstellung auf den Nachweis verzichtet, daß Detailkopien gleich wieder in Kunst umgesetzt werden konnten, in Tizians Holzschnitten etwa. (Bis zum 10. September; Katalog 20 Mark, im Buchhandel 28 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Maillol" (Kunsthalle bis 3. September, Katalog 25 Mark)

Berlin: "Ilja Gregorjewitsch Tschaschnik (1902–1929) und die Malewitsch-Gruppe in Witebsk" (Bauhaus-Archiv bis 4. September, Katalog 17 Mark)