Von Marion Gräfin Dönhoff

Lang ehe Valentin Falin im Mai 1971 zum Botschafter der Sowjetunion In Bonn ernannt wurde, hatte sich sein Ruf als eines ungewöhnlich befähigten Diplomaten in der Bundesrepublik herumgesprochen. Ich erinnere mich, daß Staatssekretär Paul Frank ihn damals an die dritte Stelle innerhalb der von ihm besonders gerühmten Spitzenklasse stellte: Gromyko, Couve de Murville, Falin.

Falin war zu jener Zeit Chef der Dritten Europäischen Abteilung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten in Moskau, zu der die Bundesrepublik, die DDR, Berlin und Österreich gehören. In dieser Eigenschaft hatte er seit Januar 1970 an den Verhandlungen zwischen Gromyko und Egon Bahr teilgenommen, sie gelegentlich auch selbst geleitet. Sechs Monate später kam er dann nach Bonn, um mit Staatssekretär Frank die sogenannten Verhandlungsprotokolle in Vertragsform zu bringen. Die Russen hatten den vorliegenden Text wohl als mehr oder minder fertiges Verhandlungsergebnis angesehen, dem nur noch Einleitung und Schluß hinzuzufügen seien, und so muß es für Falin eine gewisse Enttäuschung gewesen sein, daß nun in Bonn weiter verhandelt wurde – aber er ließ sich dies nicht anmerken. Er griff jeden Ball auf und prüfte ihn mit stählerner Strenge.

Seine deutschen Kontrahenten rühmen an ihm drei Besonderheiten: Erstens die Schärfe des Verstandes, die es ihm ermöglicht, sozusagen aus dem Stand die möglichen Konsequenzen eines Vorschlags oder eines Beschlusses "bis ins dritte und vierte Glied" zu überschauen; zweitens die Bereitschaft, sich in die Position des anderen zu versetzen; drittens die Fähigkeit, Probleme von vielen Seiten und unter mehreren Aspekten zu betrachten. Mit anderen Worten, er ist nicht nur ein hochbegabter Mensch, sondern auch ein Mann, der unabhängig denkt und ein eigenes Urteil hat. Aber die daraus erwachsende Elastizität beeinträchtigt seine Standfestigkeit nicht. Er ist ein harter, keineswegs bequemer Verhandler.

Wie könnte ein sowjetischer Diplomat dies auch sein? Er ist doch eingeklemmt zwischen ZK und AA, zwischen den Richtlinien der Partei und den Interessen des Außenministeriums. Der Spielraum, der ihm da gelassen wird, ist normalerweise gleich Null. In den wichtigen Fragen schreibt das Politbüro jedes Detail bis zum Komma vor, und im Außenministerium steht die Karriere auf dem Spiel, an die der Minister unerbittliche Maßstäbe anlegt.

Falin scheint da eine Ausnahme zu sein – seine Marge ist offenbar ein bißchen größer. Doch ist auch dies natürlich nur möglich, weil er konsequent und unbeirrbar im Rahmen des Dogmas denkt. Ich war überrascht festzustellen, daß ein Diplomat seiner Weitläufigkeit und Brillanz, der weit mehr einem Intellektuellen als einem Beamten gleicht, überzeugt ist, daß Watergate von den Gegnern der Nixon/Kissinger-Außenpolitik inszeniert wurde, um die Entspannungspolitik zu torpedieren.

Eines der Hauptprobleme seiner Botschafterjahre in Bonn war die Berlin-Frage. Im Gespräch meinte er einmal, die Bonner hätten eine der sowjetisch-legalistischen Anschauungen entgegengesetzte Auffassung. "Wenn die Russen einen Vertrag abschließen", so sagte er, "bildet dieser die feste Basis zukünftiger Beziehungen, während für die Bundesrepublik dies offenbar eine Stufe ist, von der, wenn sie erreicht wurde, man sogleich weiterstrebt." In einem Interview mit dem Bonner Generalanzeiger im Jahr 1976 sagte er: "Nieman kann Beispiele dafür nennen, daß Initiativen der sowjetischen Seite zu Differenzen oder Spannungen geführt hätten. Wenn sowjetische Schritte im Westen nicht immer positiv aufgenommen wurden, so handelte es sich dabei stets um Reaktionen auf Schritte, die nach unserer Auffassung nicht mit dem Vierseitigen Abkommen konform, gingen..."