Lipizzaner, Karajan und Kreisky – der kleine Nachbar ist moderner als Kritiker behaupten

Von Friedrich Hacker

Viele Leute behaupten von sich, kokett und nicht ohne Stolz, daß bei ihnen, ihrer nationalen Eigenart wegen, die Uhren anders gehen. In Österreich dagegen gibt es, im übertragenen und tatsächlichen Sinn, zahlreiche einander widersprechende Uhren, die alle etwas anderes zeigen, meist, weil sie zu verschiedenen Zeiten stehengeblieben sind, beispielsweise während der Regierungsperiode des alten Kaisers, in der ersten Republik, in der Nazi- oder der Besatzungszeit. Der am häufigsten beobachtete Zeigerstand weist auf fünf Minuten nach zwölf; es ist also (eh) ohnehin zu spät. Obwohl es unaufschiebbar dringend gewesen wäre, daß endlich etwas passiert (es muaß was g’schehn), darf man sich nun getrost zufriedengeben, denn da kann man halt nix machen.

Die Wirklichkeit kämpft hier wie überall, meist vergeblich, gegen die Allmacht des Klischees, das dem Österreicher Gemütlichkeit, Lebenskunst und Charme zuspricht sowie eine mit Schlamperei gemischte Unbekümmertheit oder die Tendenz zur von Schlamperei gemilderter Tyrannei, jedenfalls aber immer Schlamperei definiert als lebensfroher, zuweilen sogar subversiver Gegensatz zur strengen, angeblich notwendigen, mit tierisch ernstem Zwang herrschenden durchorganisierten Ordnung und Präzision. (In England ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten, in Deutschland alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist und in Österreich alles erlaubt, was ausdrücklich verboten ist.) Das längst ebenfalls zum Stereotyp erstarrte Gegenbild, das dem ursprünglichen Klischee ebenso genau entspricht wie ein photographisches Negativ dem entwickelten und daher "positiven" Bild, betont die Schwermut und Selbstzerstörungstendenz des Österreichers, seine opportunistische Anpassungsfähigkeit ("Herr Karl") und seine beharrlich verstockte Unbeweglichkeit, die alles Neue mit der unendlichen Weichheit unerschütterlichen Selbstvertrauens und Eigendünkels sowohl zuläßt wie erstickt.

Österreich, das nach dem gängigen Klischee ständig singt, tanzt und musiziert, wenn es nicht gerade mit Essen, Trinken und Sorglosigkeit ausgelastet ist, oder nach dem Gegenklischee bitterböse im Schatten voriger Jahrhunderte als Neidgenossenschaft hindämmert und boshaft und skurril üble Pläne ausheckt, dieses Österreich hat inzwischen zwar keineswegs heimlich, aber von der Weltöffentlichkeit noch immer viel zu wenig zur Kenntnis genommen, ein recht bemerkenswertes Experiment mit sich selbst so erfolgreich begonnen und weitergeführt, daß die Bezeichnung "Insel der Seligen" zwar nicht völlig zutrifft, aber auch wieder nicht ganz unberechtigt ist. Denn dieses kleine Land, das als armseliges Überbleibsel des jahrhundertelang bestehenden großen Vielvölkerreichs der Habsburger als erste Republik nach dem Ersten Weltkrieg als lebensunfähig erachtet wurde, und auch selber gar nicht an die Möglichkeit seiner selbständigen Existenz glaubte, ist heute ein moderner, ruhiger, sicherer, verläßlich demokratischer Modellstaat, in dem gemäß seiner Tradition der Reform, Neues versucht und auch verwirklicht wurde, das fern von aller Nachahmung der Vergangenheit bisher noch nicht da war. Wohlstand, Sicherheit, innerer Friede, Vollbeschäftigung und die nahezu unbeschränkte Erlaubnis zum Ausdruck politischer und wirtschaftlicher Unzufriedenheit sind österreichische Selbstverständlichkeiten geworden und, vielleicht zum erstenmal in der Geschichte, wird das Beispiel Österreichs nicht nur geachtet und nachgeahmt, sondern sogar beneidet und oft aus Neid verschwiegen.

Bekanntlich ist dieses landschaftlich prachtvolle Land mit seinen berühmt schönen Bergen, Seen und Schlössern, mit dem Barockjuwel Salzburg und dem prunkvollen Wien, der östlichste (falls geographische Bezeichnungen der Steigerungen und des Superlativs fähig sind) Vorposten der westlichen Welt und das einzige Territorium Europas, aus dem sich die russische Besatzungsmacht freiwillig, unblutig und auf Grund von Abkommen statt kriegerischer Auseinandersetzungen, also ganz auf österreichische Art, zurückgezogen hat.

Niemand gibt sich der Illusion hin, daß im Ernstfall das winzige österreichische Heer dem Großangriff einer Supermacht erfolgreichen Widerstand leisten könnte. Doch die neue Variante des uralten Spruches, daß, während beispielsweise in Deutschland die Lage ernst aber nicht hoffnungslos, sie in Österreich hoffnungslos, aber nicht ernst sei, führt nicht zur tatenlosen Verzweiflung, sondern zu neuen, verwirklichbaren, zum Teil schon verwirklichten Ideen. Im Witz, dem von Nestroy popularisierten, von Freud untersuchten Kurzschluß zur Wahrheitserkenntnis, wurde als beste Verteidigungsmaßnahme vorgeschlagen, im Falle einer drohenden Attacke die Wiener Philharmoniker unter Führung des Österreichers von Karajan an die Grenze zu entsenden, um den Feind mit den berühmt süßen Geigenklängen des Orchesters zu betören und abzulenken (hätten sich doch nur seit eh und je die Österreicher mehr auf das Baton ihrer Dirigenten statt auf das ihrer Feldmarschälle verlassen, sie hätten noch die schönen, herrlichen, bunten Uniformen, derentwegen es schade war, in den Krieg zu ziehen).