Von Eduard Neumaier

Belgrad, Ende August

Mit einem Lächeln flog Hua Kuo-feng von der Adriaküste bei Pula über Teheran nach Peking zurück. Der chinesische Parteichef und Ministerpräsident verließ die Region des Balkan in der Gewißheit, die Sowjetunion während zweier Wochen gedemütigt zu haben wie selten zuvor.

Wer die Reisebilanz Hua Kuo-fengs nach Gewinn und Ertrag durchsieht, wird manche Ernüchterung registrieren, wo vielleicht Gewinn erhofft, manchen unerwarteten Bonus, wo eher eine Niete zu vermuten war. So zeigt sich, daß Rumänien für die chinesische Politik einer psychologischen Einkreisung der Sowjetunion unbrauchbar ist; sogar als Joker ist Bukarest nur bedingt geeignet. Im besten Fall ist der rumänische Spielraum auf die, eigenen Angelegenheiten beschränkt. Selbst diese Bescheidenheit dient der Sowjetunion mittlerweile zu den bösesten Verdächtigungen. Aus der Tugend, in einer Schlußerklärung außer vielen Freundschafts- und Solidaritätsfloskeln keinerlei handfeste Thematik unterzubringen, weil es eben außer zehn konkreten Abkommen nichts gab, dreht Moskaus Propaganda bereits einen verbalen Strick. Böse fragte die Prawda, was da verborgen gehalten werde. Es ist nicht einmal mehr auszuschließen, daß die Moskauer Geduld mit Rumänien am Ende ist. Wäre es so, dann hätte Ceausescu sich und Hua den Rumänen einen bösen Tort angetan.

Ist die chinesische Ernte in Rumänien also von fragwürdigem Wert, so enthält die Ernte in Jugoslawien gewiß weniger Spreu. Marschall Tito konnte aus einem unerschöpflichen Fundus an Erfahrungen mit der Sowjetunion viele Ratschläge erteilen, konnte über die Rolle der Dritten Welt autorisiert sprechen und mit einiger Überzeugungskraft auch vom jugoslawischen Sozialismus. Persönlich können Tito und Hua als Erfolg verbuchen, daß die beiden einzigen authentischen kommunistischen Bewegungen neben der sowjetischen endlich zusammengefunden haben – aber sie konnten es nur, weil China anscheinend jetzt gewillt ist, auf Ideologie weitgehend zu verzichten, jedenfalls im Umgang mit den Staaten. Selten ist in Reden von kommunistischen Führern so wenig ideologisch argumentiert worden wie in den Reden Huas, Ceausescus und Titos. Welche Entwicklung China durchgemacht hat, zeigt der Satz Huas in Bukarest: "Wir unterstützen die Prinzipien des Marxismus-Leninismus." So redet einer, der Distanz zum eifernden Bekennertum hat und für den machtpolitische Kategorien wichtiger sind als Glaubensbekenntnisse.

Die Frage indessen ist akut geworden, ob die Weltmacht Sowjetunion es hinnehmen wird, daß China ihren Machtbereich beschneidet. Es ist eine Frage ihrer Autorität, daß sie den Tanz auf ihrer bälkanischen Nase beendet. Je länger sie Ceausescu aber gewähren läßt, desto weniger kann sie ihn disziplinieren. Die Neigung, sich etwas selbständiger zu machen, haben im Ostblock auch andere Staaten. Auch muß die Sowjetunion ins Kalkül ziehen, daß jahrelanges Zuwarten China auch in wirtschaftlicher, militärischer und politischer Hinsicht stärkt. Es könnte dann, was es noch nicht kann: Staaten seiner Interessensphäre Schutz, wenigstens aber flankierende Hilfe gewähren.

Steht die Sowjetunion im Fall Rumäniens unter Zwängen, so gilt dies auch für Jugoslawien. Solange Tito lebt, wirkt seine Autorität schützend. Je länger er lebt, desto enger kann der Vielvölkerstaat zusammenwachsen. Und nach dem Tod des jetzt 86 Jahre alten, nun auch sichtlich gealterten Marschalls wird ebenfalls jedes Jahr einer von außen ungefährdeten Existenz den Bestand des Landes festigen. Will die Sowjetunion das niemals preisgegebene Ziel erreichen, die jugoslawische Ungebundenheit zu beenden, wo wird sie nach Titos Tod das tödliche Spiel beginnen.

Dabei muß nicht mit einem militärischen Überfall gerechnet werden. Jugoslawien kann auf vielfältige Weise überwältigt werden: Nationale Zwistigkeiten wirken fort, territoriale Ansprüche anderer (Bulgariens auf Mazedonien, Albaniens auf Kosovo und das Amselfeld, Ungarns auf die Vojvodina) lassen sich beleben. Orthodoxe Kommunisten gibt es auch noch. Wenn Moskau noch einen Vorwand gebraucht hätte – die Chinesen könnten ihn jetzt geliefert haben.