Von Jürgen Lodemann

Im dritten Komplex des Concerto grosso wurde zuerst die Vereinigung der Musikzitate gefeiert, dann ihr Untergang. Zum dissonanten Totalwirbel von damals würde Hubert sich heutzutage nicht mehr entschließen können... Ist jetzt alles aufgezehrt? Worauf würde ich mich in der Gegenwart noch einlassen? Glimmt gar nichts mehr, auch keine Neugier Gabriele Wohmanns Beschreibungen, von denen man rühmt, daß sie Gewohntes fragwürdig machen können, haben sich in ihrem neuen Buch –

Gabriele Wohmann: „Frühherbst in Badenweiler Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1978; 266 S., 28,– DM

an ein Thema begeben, das nicht-mehr fragwürdig gemacht werden muß. Während in „Schönes Gehege“ oder „Entziehung“ oder „Paulinchen war allein zu Haus“ die aufribbelnde Arbeit ihrer Sätze auch härteste Stoffe fadenscheinig machte, während dort etwa Drogenabhängigkeit, Fernsehabhängigkeit oder auch die Abhängigkeit von Erziehungsprogrammen notwendige Gegenstände ihrer erzählenden Entdeckungen waren, scheinen mir die Mühen ihrer neuesten Veröffentlichung so gut wie umsonst gewesen zu sein: Die Eulen in Athen haben sich um eine vermehrt.

Hubert Frey, jenseits der 40, Komponist offenbar von neuzeitlichen Werken, aber von romantischer Konsistenz (die ohne ein „Glimmen“ nicht auskommt), dieser altmodisch-moderne Hubert zieht sich, von Krisen seiner Kunst wie seines mittleren Lebens heimgesucht, für eine lange Weile zurück nach Badenweiler, in ein gepflegtes Kurhotel, in dem einst auch Tschechow weilte und in dem nun Frau Wohmanns Hubert ähnlichen midlife- und Mannes-Zweifel nachhängt wie zufällig der vom gleichen Verlag im gleichen Herbst produzierte Härtlingsche Hubert.

Wohmanns Hubert entzieht sich dem Umgang mit der tüchtigen Ehefrau Selma, verschanzt sich hinter eingebildeten Krankheiten nervösester Ausformungen, bedeckt sich mit weichen Sanatoriumskissen, im einsamen Zimmer, beim täglichen Fernseh-Ritual. Dieser Hubert setzt zwar noch zu einigen Briefen an, in Gedanken wenigstens, wohl auch noch zu einem Essay über den Regen oder zu einem anderen über „Gleichzeitigkeit“, aber aus solchen Arbeitsplänen wie auch aus seinen Kompositions-Absichten wird nichts.

Hubert Frey hat sich „aus dem Verkehr gezogen“. Meine Lese-Reaktionen waren ungeduldig bis aggressiv. Mit dieser Privatmitteilung als Vorbehalt die Feststellung: Welch ein Jammer, diese Fülle an Wortreflexen, Reflektionen, diese bewundernswert zweifelnde Prosa, die ins Zweifache, ins Vieldeutige aufstören kann, was sich heutzutage ungestört und eindeutig gibt, diese Prosa ausgerechnet an ein so tranig-träniges, an ein solch akademisches Luxus-Mimöschen verschwendet zu sehen. Zum tausendunddrittenmal: ein romantisches Künstler-Leben. Wer das noch einmal beschreibt, muß sich gefallen lassen, daß sie im Lesenden alle wieder auftauchen, die Meister, Nolten, Heinrich, Aschenbach, Faustus und und – und nun Hubert Frey: wie blaß.