Offener Brief an einen Freund, einen mutmaßlichen Terroristen

Von Klaus Hessler

Lieber D. Wie soll ich Dich anders anreden?

Die in aller Bewußtsein hochgespielte Gretchenfrage, wie man es mitden Terroristen hält, läßt mich sogar die einfache Anrede nicht ohne Zögern niederschreiben. Es ist weit gekommen in dieser Zeit.

Gerate ich nicht schon mit dem ersten Wort dieses Briefes in den bösen Verdacht, ein "Sympathisant" zu sein? Was immer das auch sein mag! Kann man heute noch ohne Gefahr einen Terroristen mit dem Ausdruck der Wertschätzung ansprechen – auch dann, wenn man von der Gesellschaft nicht die mildernden Umstände einer verwandtschaftlichen Beziehung zugebilligt bekommt?

Gleichwohl, Du warst ein Freund. Auch durch die Dir zur Last gelegten Taten hast Du nicht aufgehört, ein Freund, gewesen zu sein. Gerade trotz dieser Taten sollte die schmale und brüchige Brücke nicht abgebrochen werden, wie sie in der Anrede zum Ausdruck kommt.

Es war kein Schock, als ich Dein Bild sah. Vielmehr ein Ereignis, das mich melancholisch und nachdenklich machte. Dein Bild auf dem Fernsehschirm löste eine Kette von Erinnerungen aus, längst verschüttete. Sie machten mir Dein Erscheinen zumindest verständlich. Ich konnte und kann nicht sagen: Das alles ist mir unbegreiflich. So verständlich ein solcher Satz für viele ist – Eure Eltern werden ihn oft genug gesagt haben –, ist er doch schon Beweis für eine falsche Sicherheit, die jedes abweichende Verhalten unbegreiflich erscheinen läßt.