Sind Katholiken dümmer? Sicherlich nicht, aber sie haben einen Bildungsrückstand gegenüber den Protestanten und den konfessionell nicht gebundenen Bundesbürgern, den Gemeinschaftslosen. Zu diesem Ergebnis kommt eine "konfessionsstatistische Analyse", die die Politologin Traute Nellessen-Schumacher im Auftrag des Zentralkomitees der deutschen Katholiken erarbeitet hat. In ihrer Studie (siehe unsere Auszüge auf Seite 36) weist die Politologin ein "massives Ausbildungsdefizit der bereits ausgebildeten katholischen Bevölkerung" nach. Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil müßte es 25 Prozent mehr katholische Abiturienten geben, beim Hochschulabschluß liegt das Defizit bei zwölf Prozent, beim Ingenieurschulabschluß bei 23 Prozent und beim Realschulabschluß bei 18 Prozent. Die Autorin folgert daraus: "Überall dort, wo eine höherrangige schulische Ausbildung als Zugangsbedingung für hervorgehobene soziale Positionen vorausgesetzt wird, sind die Katholiken den besser ausgebildeten Protestanten und den Gemeinschaftslosen gegenüber im Nachteil."

Die Ursachen des Ausbildungsrückstandes sieht sie vor allem in der Siedlungsstruktur. Die Katholiken überwiegen in den ländlichen und kleinstädtischen Gemeinden, sind aber in den Mittel- und Großstädten stark unterrepräsentiert. Das wirkt sich nachteilig auf die Bildungschancen aus. Außerdem stellt die Politologin bei Katholiken "eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber dem modernen Geist, eine Scheu vor dem rationalen Signum unserer Kultur" fest. Sie nennt in diesem Zusammenhang "die besonders geringe Vertretung katholischer Akademiker in den naturwissenschaftlichen Disziplinen".

All diese Gründe für den Ausbildungsrückstand der Katholiken, vor allem ihre Wissenschaftsscheu, nannte schon 1965 der Jesuiten-Pater Karl Erlinghagen in seinem Buch "Katholisches Bildungsdefizit". Er stützte sich auf statistisches Material aus den fünfziger Jahren, die neueste Untersuchung basiert auf Zahlen aus dem Jahre 1970. Viel hat sich offensichtlich in 20 Jahren nicht geändert. Die Zahl der besser ausgebildeten Katholiken erhöhte sich zwar bis 1970, aber der Abstand zu den Protestanten blieb, teilweise vergrößerte er sich noch.

Für die Zukunft stellt Traute Nellesen-Schumacher den Katholiken in der Bundesrepublik bessere Prognosen. Die jungen Katholiken, die zur Zeit noch Schulen und Hochschulen besuchen, holen gegenüber ihren evangelischen und konfessionslosen Altersgenossen kräftig auf. In den Gymnasien sind sie nur noch um vier Prozent unterrepräsentiert und bei den Studienanfängern war im Wintersemester 1970/71 der "Konfessionsproporz" nahezu erreicht. Die Politologin führt diese positive Entwicklung auf die Bildungswerbung der vergangenen Jahre.zurück, die vor allem bei der katholischen Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Erfolg hatte.

Die Bildungswerbung wird aber nun seit 1974 von katholischen Politikern, wie dem bayerischen Kultusminister Hans Maier und dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel verdammt und SPD und FDP als politischer Fehler angekreidet. Der Schluß liegt nahe, daß demnach die sozial-liberale Bildungspolitik in Bund und Ländern den Katholiken größere Bildungschancen gegeben und dazu beigetragen hat, ihren Ausbildungsrückstand aufzuholen. Gerade in Ländern mit überwiegend katholischer Bevölkerung, wie Bayern und dem Saarland, war der Bildungsrückstand 1970 besonders kraß. Bayern hat auch heute noch mit 10,5 Prozent eine der niedrigsten Abiturientenquoten aller Bundesländer. Das entspricht dem Willen seines Kultusministers Hans Maier, der als erster gegen eine "Abiturienteninflation" zu Felde zog.

Es ist zu befürchten, daß das katholische Bildungsdefizit nur vorrübergehend kleiner wird, weil gerade katholische Familien, die von der Bildungswerbung angesprochen wurden, jetzt nach den Kassandrarufen katholischer Kultusminister die ersten sein werden, die für ihre Kinder keine gymnasiale Ausbildungmehr anstreben. An den Gymnasien der Länder Bayern und Rheinland-Pfalz läßt sich seit dem Schuljahr 1976/77 bereits ein Stagnieren beziehungsweise ein leichter Rückgang der Quote katholischer Schüler erkennen. Claus Voland