Über volle Kasse verfügen nicht nur Industriebetriebe und Versicherungen. Anlageprobleme haben auch zahlreiche private Sparer. Die Erinnerung an "schöne" Zinsen von zehn Prozent und mehr läßt sie zögern, ihr Geld jetzt für Sätze herzugeben, die zwischen sechs und sieben liegen. Auf diese Weise warten Milliarden darauf, daß über sie endgültig disponiert wird.

In ihrer Zinsbeurteilung sind sich die Kreditinstitute nahezu einig: In den nächsten Monaten wird sich die Rendite zwischen 6,5 und 7 Prozent für Papiere mit zehnjähriger Laufzeit einpendeln. Prognosen für die Zeit danach sind deshalb schwierig, weil heute noch nicht abzusehen ist, welche Belastungen für den Kapitalmarkt zu erwarten sind.

Belebt sich die Konjunktur, wird die Industrie, die Milliarden flüssiger Mittel in kurzfristigen Titeln des Rentenmarktes angelegt hat, nicht nur als Käufer ausfallen, sondern einen Teil dieser Papiere abstoßen müssen, weil sie Finanzmittel für Investitionen braucht.

Der zweite Unsicherheitsfaktor: Was machen die Ausländer? In den ersten fünf Monaten dieses Jahres bildeten – so stellt die Commerzbank fest – die Wertpapierkäufe aus dem Ausland für die deutschen Finanzmärkte eine wesentliche Stütze. Unverkennbar ist aber auch, daß die schwache Verfassung des Rentenmarktes im zweiten Quartal nicht zuletzt auf Verkäufe der Ausländer zurückzuführen war. Das Verhalten der Ausländer spielt also eine wesentliche Rolle. Solange die Mark internationales Vertrauen genießt, dürften die Ausländer aber nicht zu einer nachhaltigen Bedrohung für den deutschen Kapitalmarkt werden.

In einer Untersuchung über den Rentenmarkt kommt die Dresdner Bank zu der Empfehlung, die Privatkundschaft solle weiterhin Titel mit "überschaubaren" Laufzeiten erwerben, wobei offensichtlich Emissionen mit Restlaufzeiten von drei bis fünf Jahren gemeint sind. Kein Wunder, meine verehrten Leser, daß die letzten Bundesanleihen vom privaten Publikum gemieden worden sind. Mit der neuen Anleihe wird es nicht anders werden.

Die Abneigung gegen Titel mit Laufzeiten von mehr als fünf Jahren wird von fast allen Rentenfonds geteilt. Länger laufende Titel sind nach und nach aus ihren Portefeuilles auch dann entfernt worden, wenn sie eine höhere Rendite brachten. Immerhin verzinsen sich zehnjährige Papiere gegenwärtig mit 6,7 bis 6,9 Prozent. Fünfjährige dagegen nur mit knapp 6,3 bis 6,4 Prozent. Papiere mit vierjähriger Restlaufzeit bringen knapp, 6 Prozent.

Der Zinsverzicht, der beim Erwerb von Titeln mit kürzeren Laufzeiten zu leisten ist, muß als Preis für mehr Kurssicherheit gesehen werden. Denn je näher der Tilgungstermin heranrückt, desto sicherer bewegt sich der Kurs der Papiere auf 100 Prozent zu. Private Sparer, die sich auf langlaufende Titel einlassen, sollten sicher sein, nicht vorzeitig auf die so festgelegten Gelder zurückgreifen zu müssen, also nicht in die Verlegenheit. kommen, sich gerade dann von den Papieren trennen zu müssen, wenn ihr Kurs gerade "im Keller" liegt.