Von Josef Joffe

Todesstrahlen waren bislang ein Standard-Utensil in Science-fiction-Romanen. Jetzt drohen sie, waffentechnische Wirklichkeit zu werden. Amerikanischen Ingenieuren ist es zum erstenmal gelungen, was sonst nur in außergalaktischen Auseinandersetzungen die Norm ist: die Zerstörung einer Hochgeschwindigkeitsrakete mit Hilfe einer Laser-Kanone. Es war zwar nur eine Panzerabwehrrakete, kein Interkontinentalgeschoß, ein Experiment im Freiluftlabor, nicht die Vorführung eines serienreifen Prototyps. Auch hat das Pentagon gleich abgewiegelt: Ein Waffensystem sei nicht geplant – noch nicht.

Es ist ein beklemmendes Dementi, zumal das diesjährige amerikanische Wehrbudget gut 400 Millionen Mark für die Entwicklung von Hochenergie-Lasern bereithält. Die Unterhändler palavern seit sechs Jahren über ein zweites Salt-Abkommen, doch in der Zwischenzeit hat sich die technologische Entwicklung verselbständigt. Die stete Revolution der Waffen unterhöhlt die Fundamente der gegenseitigen Abschreckung. In nicht allzulanger Zeit könnte der Laserblitz, der jetzt nur eine Panzerabwehrrakete zerriß, den tragenden Pfeiler des atomaren Friedens ins Wanken bringen: die "Fähigkeit zum zweiten Schlag".

Das Gebäude der Abschreckung ruht auf einer simplen Gewißheit: Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter. Wer aber die Raketen des Gegners mit Lichtgeschwindigkeit vom Himmel putzen kann, braucht weder einen ersten noch einen zweiten Schlag zu fürchten. Er könnte sich einen Atomkrieg leisten, ohne um das eigene Leben zu bangen.

Gefährdet werden nukleares Gleichgewicht und Abrüstungschancen jedoch noch von viel handfesteren Bedrohungen des Abschreckungssystems. Die Amerikaner sitzen gegenwärtig an Plänen für eine mobile Monsterrakete "MX", die bis zu vierzehn Sprengköpfe ins Ziel tragen kann. Sie soll vordergründig das Gleichgewicht des Schreckens für das nächste Jahrzehnt abstützen. In Wahrheit freilich verstößt sie gegen sämtliche Gebote des atomaren Friedens. Ihre superpräzisen Sprengköpfe (Trefferradius: 100 Meter) könnten jeden sowjetischen Raketensilo zerstören; sie eröffnen den Vereinigten Staaten daher die Option auf einen ersten Schlag.

Der eigentliche Clou aber ist ein gigantisches strategisches Versteckspiel, das die MX-Raketen der sowjetischen Ortung entzieht. Für die 200 geplanten MX-Monster sollen nämlich 4000 Löcher ausgeschachtet werden; nächstens sollen Rie-

sentransporter von Silo zu Silo pendeln, um hier ein atomares Schlangenei in das vorbereitete Loch zu legen, dort jedoch nur so tun, "als ob". So wären 3800 Nester immer leer, bloß 200 geladen, wie bei jenem Spiel, wo unter jeweils drei Muscheln nur ein Groschen versteckt ist. Dies könnte den Kreml in Versuchung führen, angesichts von 4000 potentiellen Abschußsilos die Zahl dereigenen Sprengköpfe rabiat aufzustocken, um jedes Loch abdecken zu können.