Von Manfred Sack

Schon Wochen vor dem letzten Handgriff hatten die Stuttgarter von der jüngsten Neuheit ihrer Stadt auf die einfachste Weise Besitz ergriffen. Sie schlenderten, von Automobilen verschont, über das wiederhergestellte Idyll der Calwer Straße, und sie flanierten durch die sechzig Meter lange, fünf Meter breite Passage, die sich parallel dahinter durch die ehemaligen Hinterhöfe erstreckt. Sie genossen dabei vermutlich sogar den Regen, weil er sechs Meter über ihren Köpfen von einem filigran gefaßten gläsernen Tonnendach ferngehalten wird. Damit ist nun einer der spannendsten, schwierigsten, zugleich schönsten Abschnitte im Nachkriegskapitel der Stuttgarter Stadtplanung vollendet.

Die Eröffnung an diesem Sonnabend gibt Anlaß, gleich drei Besonderheiten zu feiern, die außerdem in dieser Kombination bisher einzigartig sind: die Wiederentdeckung der Passage; die entschlossene, nahezu alle Varianten der Denkmalpflege einschließende Erneuerung einer in vierhundert Jahren gewachsenen, visuell fast intakt gebliebenen Straße; die Einsichtigkeit und die Courage eines anspruchsvollen Bauherrn, der sein relativ privates Projekt als eine außergewöhnliche öffentliche Aufgabe verstand und sie gegen mancherlei auch verständliche Vorbehalte verteidigte und damit nun den bezweifelten Erfolg in doppelter Portion hat. Diese Haltung eines öffentlich beaufsichtigten Unternehmens, wie es die Allgemeine Rentenanstalt in Stuttgart ist, war eigentlich der Schlüssel zu diesem bemerkenswerten städtebaulichen und architektonischen Ereignis. Nicht zuletzt ist die Bundesbahn zu loben, die die Pläne für einen anderen Bahnhofseingang fertig und seine Statik schon hatte berechnen lassen. Sie warf alles über den Haufen und schloß sich dem neuen Entwurf an.

Mit dem von vier sehr unterschiedlichen Straßen eingefaßten Quartier an der westlichen Ecke der Innenstadt hatten sich die Planer gottlob Zeit gelassen, teils aus Ratlosigkeit, teils aus Vorsicht. Das Gebiet in der Form eines länglichen Rechtecks enthält einen der letzten "Stadtbildreste" aus der Geschichte. Es liegt am Rotebühlplatz, der gar kein Platz ist, sondern eine überdimensionale, ungestalte, außerordentlich unangenehme Straßenkreuzung mit sehr vielen Spuren. "Durch die Verkehrsflächenerweiterung", wie es umschrieben wird, waren eine Anzahl schwierig zu nutzender Restgrundstücke entstanden, aus denen Investoren glaubten, nicht viel machen zu können. Und zwischen den Häusern der Calwer und der parallelen Theodor-Heuss-Straße lag ein diffus wirkender Hofraum – lauter problematische Tatsachen.

Jedoch war hier, sehr tief in der Erde, der U- und S-Bahnhof "Stadtmitte" vorgesehen, der zentrale Knotenpunkt des städtischen, aber auch des regionalen Nahverkehrs, von dem aus ein Kranz von Städten rund um Stuttgart – Plochingen, Backnang, Marbach darunter, auch Leonberg, Böblingen, der Flughafen – nur etwa eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt sind. Wenn in einem Monat der S-Bahnhof und in ein, zwei Jahren der U-Bahnhof eröffnet sind, werden sie eine ziemlich heftig sprudelnde Quelle sein. Man rechnet mit täglich etwa sechzigtausend, später bis zu hunderttausend Fußgängern, die sich dann in dieses Quartier der City ergießen werden.

Nicht zuletzt diese Aussicht ermutigte die Allgemeine Rentenanstalt (und die Stadt sowieso), das Risiko einzugehen und einer Anzahl von Schwierigkeiten zu trotzen. Dazu gehörte es, die Eigentümer anderer Grundstücke dieses Areals entweder zum Mitmachen oder zum Verkauf zu bewegen; bis auf einen, der mit der Chance, rasch zu viel Geld zu kommen, allzu hoch pokerte, wurden alle zu Mitspielern gewonnen. Dazu kamen, wie bei solchen Projekten üblich, eine Menge baurechtlicher Konflikte. Auch das Bundesamt für Versicherungswesen machte Schwierigkeiten. Da die Allgemeine Rentenanstalt bereit war, das ihr von Versicherten und Sparern anvertraute Geld nicht auf die simpelste Weise gewinnbringend in Immobilien anzulegen, sondern stadtbaukünstlerische Verpflichtungen auf sich zu nehmen und die "Sozialpflichtigkeit des Eigentums" ernst zu nehmen und zu praktizieren, meldete die Aufsichtsbehörde Zweifel an der Rentabilität des Projektes an. Daß sie beseitigt wurden, geht nicht zuletzt auf den ARA-Chef Dieter Paulus zurück. Sicherlich spielte da auch der Zufall, eine Rolle, Schulfreund des Baubürgermeisters Hansmartin Bruckmann zu sein; es war der Bereitschaft zum Ungewöhnlichen jedenfalls förderlich.

1974 lud das Unternehmen sechs Architekturbüros zu einem mit der Stadt ausgearbeiteten Wettbewerb ein; Gewinner wurden die Stuttgarter Professoren Hans Kammerer und Walter Beiz. Sie hatten den mit Abstand interessantesten Entwurf für das Rechteck zwischen Calwer und Theodor-Heuss-Straße vorgelegt.