Von Horst Bieber

Vor zwei Monaten gab sich Anastasio Somoza, seines Zeichens- (noch) Präsident von Nicaragua, höhnisch-selbstbewußt: "Ich will niemanden daran hindern, Geld zu verlieren", kommentierte er eine Erklärung der Arbeitgeber, sich an einem geplanten Generalstreik zu beteiligen. Seit dem vergangenen Wochenende kann er es nicht mehr: Gewerkschaften und Wirtschaft haben sich zu einem Generalstreik zusammengeschlossen, um die 45 Jahre alte Familiendiktatur der Somozas zu beenden. Er wagt es nicht mehr, weil am vergangenen Montag die letzte Säule seines Regimes, die 7500 Mann starke Nationalgarde, von einer Meuterei erschüttert wurde, die noch einmal – aber knapp – aufgefangen wurde.

Unter den mittelamerikanischen Bananenrepublik-Herrschern bilden die Somozas eine Spitzenklasse für sich. Außer ihnen weiß keiner genau, in wieviel Unternehmen, Organisationen und Instituten sie ihre Finger haben, aber daß die Somozas über die Hälfte der nicaraguanischen Wirtschaft beherrschen und ein weiteres Fünftel kontrollieren, ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, daß sie für ihre Machtfülle seit 1933 mehr als 30 000 Menschen ermorden ließen – Bauern, Revolutionäre und Oppositionelle. Anastasio Somoza mag sehr wohl der reichste Mann Südamerikas sein; seine Untertanen zählen mit Sicherheit zu den Ärmsten des Halbkontinents. In den Tabellen "Analphabetismus und Arbeitslosigkeit" stehen sie weit oben: Nicaragua, das ist Somoza-Land.

Oder scheint es bis zur vorigen Woche gewesen zu sein, als fünfundzwanzig Revolutionäre den Nationalpalast stürmten, für zwei Tage mehrere hundert Geiseln nahmen und alle ihre Forderungen durchsetzten: Freier Abzug nach Panama mit rund 60 freigepreßten Häftlingen, ferner 500 000 Dollar Lösegeld und mehrfache Sendung eines Anti-Somoza-Manifests. Ihre Fahrt zum Flughafen glich einem Triumphzug: "Vita los Sadinistas" und "Nieder mit Somoza" – für wen das Volk stimmen würde, gäbe es freie Wahlen, ist nicht zweifelhaft.

Manches erinnerte die Älteren an Kuba 1958, als in Havanna ein Diktator von Washingtons Gnaden residierte und sich ein Fidel Castro mit seinen Guerrilleros der Hauptstadt näherte. Noch vor zwei Wochen bekräftigte Somoza: "Ich glaube nicht, daß es sich Washington leisten kann, mich fallen zu lassen." Eben das ist die Frage: Nordamerikanische Investitionen von rund einer Milliarde Mark in Nicaragua sprechen dafür, Carters Menschenrechtspolitik dagegen, und seitdem Carter vor zwei Monaten mit einem diplomatischen Versuch scheiterte, Somoza auf Reformen festzulegen, hat der Wind in Washington gedreht: Der "treueste Verbündete" (Somoza über Somoza) kann nicht mehr auf blind gewährte Hilfe rechnen.

Seine Chance liegt im Unterschied zu Kuba: Es gibt keinen nicaraguanischen Fidel Castro. Ein Mann hätte mit Einschränkungen diese Rolle spielen können, der Journalist Joaquim Chamorro; Somoza ließ ihn im Januar ermorden und löste damit die Unruhen aus, die seitdem mit nur geringen Unterbrechungen andauern. Chamorro hatte die tief gespaltene Opposition zu einem lockeren Bündnis gegen Somoza, zur "Frente Amplio de Oposición" (FAO) überreden können, die sich freilich nur in dem Punkt einig zeigte, den Diktator zu stürzen. Über das "Danach" gehen die Meinungen noch weit auseinander: Drei Parteien, eine Gruppe von zwölf Intellektuellen und eine dreigeteilte "Sandinistische Bewegung" (benannt nach dem Freiheitshelden Sandino, der sechs Jahre gegen die nordamerikanischen Besatzungstruppen kämpfte und den Somozas Vater 1934 ermorden ließ) streiten sich über den künftigen Kurs.

In der Volksgunst rangieren die Sandinistas ganz oben, und zwar seit dem verheerenden Erdbeben von 1972. Die brutale Schamlosigkeit, mit der die Somozas die Hilfsgüter und -gelder des Auslands in ihre Taschen umleiteten, riß jene Furchtbarriere des Volkes nieder, das in diesem Jahrhundert zu oft die Zeche der Bürgerkriege zahlen mußte. Die Sandinistas leugnen jede kubanische Hilfe; fest steht aber, daß Fidel Castro sie mit wohlwollenden Worten (und mehr?) bedenkt. Die jetzt mitstreikenden Unternehmer haben denn auch klipp und klar erklärt, daß sie ein "weder somozistisches noch sandinistisches Nicaragua" anstreben.