In einer Illustrierten sah ich unlängst das Bild eines Jungen, der einer neonazistischen Organisation angehört, ein Vierzehnjähriger in einer Uniform, die an die Montur der Hitlerjugend erinnert. Er schaut verkrampft-herausfordernd in die Kamera, das Gesicht entstellt von Haß. Woher kann er so hassen? Wer hat es ihn gelehrt, wer hat ihn so eingeengt? Auf jeden Fall hat er nichts gewußt, mit dem er sich widersetzen konnte. Die Unbelehrbarkeit, die man ihm nicht vorwerfen sollte, ist die Folge fehlender Lehre.

Wer erzählt diesen Kindern Geschichte, so glaub- und beispielhaft, daß sie selber vergleichen können? Wer macht ihnen Irrlehren anschaulich, und wer schließlich berichtet von den Davongekommenen, ihren Lügen, Ängsten, Verdrängungen, ohne den Unterton der Selbstrechtfertigung?

In einigen Büchern, die kurz nach dem Krieg entstanden, wird von Kindern und Jugendlichen so erzählt, daß auch nach dreißig Jahren eine Identifikation möglich ist, Verständnis für die Vergangenheit der Eltern geweckt wird. Ich denke an ein Kapitel in Elisabeth Langgässers Roman „Die Argonautenfahrt“. Da klettern Kinder durch einen Kamin und geraten in eine unversehrte Welt. Der Schock ist übermächtig. Diese unschadete Fülle kannten sie nicht. Sie waren aufgewachsen in einer Umgebung, in der man haßte, zu hassen lehrte, zerstörte und starb.

Von ähnlicher sinnlicher, dinglicher Bildkraft ist ein Roman von

Leonie Ossowski „Stern ohne Himmel“, Beltz & Gelberg, Weinheim, 176 S., 14,80 DM

Das Buch erschien zum erstenmal 1958 in der DDR. Damals wurde es kaum beachtet. Vielleicht weil alles noch zu nah, zu wenig (und oft falsch) bewältigt war. Heute hilft seine betroffene Genauigkeit. Denn es zeigt aus frischem und zornigem Gedächtnis, wie sehr Kinder durch Faschismus und Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurden, aber auch, wie unberührt sie davon bleiben konnten, wie sie sich ihre eigene Welt schufen, wie die „Ideale“ der Erwachsenen für sie aufs Faßbare, Naheliegende schrumpften: zu essen zu bekommen, ein Zuhause zu haben.

Die Geschichte ist einfach: Vier Jungen, die auf einem Internat (es ist eine Sängerschule, ein Alumnat wie das der Thomaner in Leipzig) in einer mitteldeutschen Kleinstadt leben und lernen, entdecken in einer Ruine ein Nahrungsmittel-Depot. Eine Tür wird aufgebrochen und das Paradies öffnet sich. Aber es wird gestört, „verdorben“ durch einen Fremden, fremd gemachten, einen jüdischen Jungen, dem es gelang, aus dem Konzentrationslager zu entfliehen. Die russischen Truppen sind nicht mehr weit. Ein paar Tage müßte er im Versteck bleiben, dann wäre er frei. Der Flüchtling wird zum Prüfstein – nicht nur für die Jungen, ebenso für die Lehrer. In der Auseinandersetzung um sein Leben spiegelt sich die unerhörte menschliche Verdorbenheit einer vom Faschismus „erzogenen“ Gesellschaft wieder. Kleinbürgerlicher Größenwahn, Bonzentum, Angst und – vor allem – Denunziantentum stoßen aufeinander, aber auch Mut und Hilfsbereitschaft. Während die einen blind an die Parolen der braunen Macht glauben, beginnen die andern, sich befreiend, gegen sie zu handeln. Der Verfolgte, prüft jeden einzelnen. Die wenigsten zeigen sich dieser Prüfung gewachsen. Und es fragt sich, liest man dieses Buch, wieviel uns schon wieder von der Einsicht verlorenging, die wir damals unter Zwang und Not gewonnen haben. Den Frieden kann man auch verlernen.