Von "Dammbruch" sprechen die einen, die anderen vom "Durchbruch". Die maritimmartialischen Metaphern werden bemüht, weil künftig knapp 2000 Arbeitnehmer weniger als vierzig Stunden in der Woche arbeiten werden: Sechzigjährige nur noch 32 Stunden, 56- und 58jährige etwas mehr. So jedenfalls bestimmt es ein neuer Tarifvertrag für die Brauereien Nordrhein-Westfalens.

Für die Arbeitgeberverbände an Rhein und Ruhr ist dieser Vertrag "nicht akzeptabel". Mit aller Überredungskunst und im Verein mit der Bundesvereinigung und deren Präsidenten Otto Esser versuchten sie, die Brauer auf Kurs zu halten. Und das heißt: grundsätzliche Verteidigung der 40-Stunden-Woche. Einen Streik um das Prinzip wollen die Brauereien riskieren, und von Aussperrung war schon die Rede. So als ob es um ein Dogma geht.

Der Stein, den Norbert Blüm, der Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse, vor mehr als Jahresfrist ins Wasser geworfen hat, zieht Kreise. Um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, so forderte er, müsse die vorhandene Arbeit "auf alle Schultern verteilt werden". Die IG Metall und die IG Druck schrieben dann die 35-Stunden-Woche auf ihr Papier. Für die Arbeitgeber ist das seitdem ein Reizwort, auf das sie allergisch reagieren.

Warum eigentlich? In einer dynamischen Wirtschaft kann die Arbeitszeit kein Tabu sein und statisch betrachtet werden. Steigt nämlich die Produktivität, nimmt also die Leistung des einzelnen Arbeitnehmers zu, dann werden bei gleicher Produktion weniger Arbeitskräfte benötigt. Soll es keine Arbeitslosen geben, muß die Arbeitszeit kürzer werden.

Nach diesem simplen Prinzip ist in den letzten drei Jahrzehnten die Arbeitszeit verkürzt worden, mal in dieser, mal in jener Branche, mal um eine, mal um zwei Stunden in der Woche – von der 48- über die 45- zur 40-Stunden-Woche. Und nun soll plötzlich ein Damm verteidigt werden? Ein Damm, der schon überspült worden ist?

Nicht nur, daß seit fast zehn Jahren in einzelnen Bereichen die 40-Stunden-Woche bereits unterschritten wird. Auch dort, wo sie seit Jahren tariflich festgeschrieben ist, blieb die Arbeitszeit in Bewegung. Da wurden zusätzlich Urlaubstage vereinbart, da wurde, wie 1974 in Baden-Württemberg für die Metallarbeiter, die Arbeitsstunde von 60 auf 52 Minuten verkürzt.

Gewiß, einen Sprung von vierzig auf 35 Stunden könnte die deutsche Wirtschaft nicht verkraften; die Arbeitskosten würden zu hoch, die notwendigen Zusatzinvestitionen wären gewaltig. Und nur solch ein Sprung hätte vielleicht für den Arbeitsmarkt jenen Effekt, der Norbert Blüm vorschwebt. Aber auch die Wirkung kleiner Schritte sollte nicht unterschätzt werden.