"Mein erstes Kunstbuch von Frances Kennet und Terry Measham, Otto Maier Verlag, Ravensburg; 46 18,– DM

Schon die Übersetzung des Titels "Your first book of looking at paintings" – der Schritt vom Ansehen der Bilder zum achtungsgebietenden Kunstbuch – läßt nicht viel Gutes hoffen. "Was hängt denn da?" für die lieben Kleinen?

Das Ziel, 8- bis 12jährigen den Spaß Bilder anzuschauen, näherzubringen, ist sicher dankenswert. Mit der Absicht "wie man Worte findet, das Gesehene zu beschreiben" ist ein Ziel ins Auge gefaßt, das für jeden, der mit Kunst befaßt ist, erstrebenswerter kaum zu denken ist. Bildbetrachtungen von Altamira "von der Höhlenwand zur Leinwand" bis zu einem späten Magritte sollen dabei helfen, zu sehen, daß nicht jeder das Gleiche sieht. Zur weiteren Vertiefung wird dann noch so dies und das aus einer vermeintlichen Trick-Kiste gekramt, "aus der Werkstatt des Künstlers" nach altbewährter Art populärer Schloßführungen. Eine Gruppe miserabel gezeichneter Kinder nach Art der ‚quatre nations‘ zusammengestellt, trottet friesartig durch 45 Seiten in Schwarz-Weiß, um sich die nicht immer sonderlichen Farbreproduktionen zusammen mit dem Leser anzuschauen. "Bilder sind wie Menschen: Sie können zu dir sprechen ... Sie können dich ... zum Lachen und zum Weinen bringen." Und so geht es fort. In einem unglücklich betulichen Ton soll die Angst vor allem Fremden, Anderen genommen werden. Spielvorschläge und Quizanregungen helfen dabei, auf dem Niveau von Onkel Lou geradewegs Von Tizian zu Picassos Guernica zu sausen. "Stell dir vor, jemand würde dich fragen, was dir zu dem Bild auf dem Umschlag einfällt. Weißt du eine Antwort?" Und die Ahnungslosen werden aufgefordert zu reden, reden, reden, statt daß sie, umgeben von völlig Anderem, Ungewohntem erst einmal stille bleiben und sehen!

Um Verstörung und Ratlosigkeit rasch zu betäuben, fährt man fort: "Bilder zu betrachten, ist nicht so bequem wie jeden Tag fernzusehen. Aber vielleicht macht es am Ende mehr Spaß. Versuch es einmal!"

Auch an sich gutwilligen Kindern wird solcher Art Gutgemeintes recht unwahrscheinlich erscheinen, und so schafft man sich altkluge Rangen, die bei der Betrachtung himmlicher Heerschare an irdische Mainzelmännchen denken.

Besser scheint es doch wohl zu sein, Kindern zu sagen, daß man zu Zufriedenheit und Glück hienieden die Bildbetrachtung und das Museum nicht unbedingt braucht, daß es Menschen gibt und geben wird, denen dergleichen immer von höchstem Wert sein wird und eben viele, die eigentlich "blind" sind. Wichtig wäre, von Blinden zu fordern, die Sehenden zu tolerieren, und von den Sehenden die Blinden nicht zu verachten. Bildbetrachtung zu einem nivellierten Pflichtpensum zu erklären, ist genau so barbarisch wie alle Kinder zum Geräteturnen zu zwingen. Zu den sachlichen Fehlern des Buches nichts, es gibt nicht wenige.

Carl-Wolfgang Schümann