ZDF, Montag, 4. September, 21.20 Uhr: "Die Geburtstagsfeier", nach Harold Pinters Stück, von Jürgen Flimm.

Zauberer sollten nicht zu lange öffentlich auftreten. Eines Tages sind ihre Tricks bekannt, ihre Täuschungen durchschaut. Dann redet man plötzlich von "faulem Zauber" – als ob es einen nicht-faulen Zauber jemals gegeben hätte.

Der Stückeschreiber Harold Pinter gehörte zur Zeit seiner größten Wirkung (vor zehn bis fünfzehn Jahren etwa) zu den am meisten gespielten, am grimmigsten interpretierten Theaterautoren. Viel gespielt wird er immer noch – doch den Interpreten fällt seit einiger Zeit zu Pinter nicht mehr viel ein. Zu oft hatte man bewundernd Pinters Strategie des Weglassens, der vorsätzlichen Irreführung des Zuschauers beschrieben. Statt über Pinters Thema (die Angst vor einem nicht benennbaren, undeutlichen Unheil, das "von draußen" hereinbricht), hat man fast nur noch über Pinters Technik geredet – über diese einzigartige Verbindung von Rätselhaftigkeit und dramaturgischer Klarheit, von Mystifikation und Mathematik. Wie Alpträume wirkten Pinters Stücke bei der ersten Begegnung – wie bloße Virtuosenstücke, wie clever verrätselter Boulevard heute.

Jürgen Flimm, der jetzt eines der simpleren Pinter-Rätsel (das Stück "Die Geburtstagsfeier" aus dem Jahr 1957) für das Fernsehen inszeniert hat, macht erst gar nicht den Versuch, den Staatstheater-Pinter von früher, den angeblich tiefsinnigen Problem-Autor, wieder zum Leben zu erwecken. Harold Pinter hat viele Filmtexte geschrieben, vor allem für Joseph Losey – daß auch seine Theatertexte Filmtexte sind, hat jetzt der Theaterregisseur Flimm bewiesen.

Pinters Stücke spielen in geschlossenen Räumen – "Die Geburtstagsfeier" in einer heruntergekommenen Pension am Meer. Einziger Gast, schon seit langem: Stanley Webber, ein junger, sehr gestört wirkender Mann, der vor irgendwelchen Feinden hierhin geflohen ist. "Die haben mich fertiggemacht", murmelt er düster. Wer denn "die" sind, so spannend ist Pinter, erfährt der Zuschauer natürlich nicht.

Flimms "Geburtstagsfeier" spielt in einem geschlossenen Raum und in einer ausweglosen Landschaft zugleich. Der Anfang: ein pompöses älteres Auto, schwarz, fährt durch eine winterliche Wattlandschaft – das Licht ist fahl, die Möwen kreischen. Eine Stimmung von sehr sachlicher Unheimlichkeit: wie in Polanskis "Wenn Katelbach kommt", wie am Ende von Wenders’ "Der amerikanische Freund". Das Meer ist immer photogen, alte Autos auch, die Verbindung von Automobil und Ozean (und schlechtem Wetter) nahezu unwiderstehlich – auch bei Flimm. Doch der (durch einige geschickte dramaturgische Kunstgriffe möglich gemachte) Wechsel von Innenraum und Landschaft bringt mehr als nur atmosphärische Reize – er verändert Pinters Text selber. Das Stück wirkt nicht mehr so gebildet und geheimnisvoll, so altmodisch-hintergründig, sondern wohltuend vordergründig: ein Gangsterfilm, kein bürgerliches Schauspiel.

Ein Film jedoch nicht nur der schönen Bilder, ein Film mit Schauspielern: Hans-Christian Rudolph als Stanley Webber, Brigitte Mira und Josef Dahmen als die alten Leute, die die Pension bewirtschaften, Ernst Jacobi und Dieter Laser als jene düsteren Eindringlinge, die Stanley an seinem Fluchtort aufspüren und wieder "fertigmachen" – weil er "die Organisation verlassen hat". Welche Organisation er verlassen hat, so spannend ist Pinter, erfährt der Zuschauer natürlich nicht. Benjamin Henrichs