Ein zorniges, notwendigerweise parteiliches Buch: der italienische Autor hat lange genug unter den Indios Südamerikas gelebt, um die dortigen Verhältnisse einschätzen zu können. Mit den Fernsehkursen, die er zur Alphabetisierung der Indios eingesetzt hat, sind wir auch beim Thema des Buches: die Bemühungen eines aufgeklärten Indios, gegen das Mißtrauen, den Widerstand der Padrones und ihrer Helfershelfer den abhängigen und künstlich Kind gebliebenen Landarbeitern ein Mindestmaß an Bildung zu vermitteln, und das heißt erst einmal: lesen und schreiben beizubringen. Das "paternalistische" Verhältnis zu ihnen ist den Besitzern natürlich lieber, da es ihnen erlaubt, mit den Indios nach Belieben schalten und walten zu können. Die Erzählung

Alberto Manzi: "Amigo, ich singe im Herzen"; Jugend und Volk, Wien/München; 143 S., 19, – DM

demonstriert kraß, was einem geschieht, der diese Zusammenhänge durchschaut, der sich wehrt, der für sich und alle anderen Anspruch auf Menschenwürde und Mündigkeit erhebt, der handelt.

Im Mittelpunkt steht der Landarbeiter Pedro. Daß er bereits lesen und schreiben kann, gefällt den Herren gar nicht, ja ist für sie bereits eine Art von Rebellion. Das Mißtrauen verschärft sich, als Pedro auf seine tägliche Kokaration verzichtet, weil er sich nicht mehr benebeln lassen will. Sie beginnen "im Herzen" zu singen, als man ihnen das laute, Zusammenhalt demonstrierende. Singen verbietet. Die Entwicklung spitzt sich zu, als Pedro einen tagelangen Marsch zum nächsten Gewerkschaftsbüro auf sich nimmt. Er wird abgefangen, mißhandelt, seine Hütte zerstört, er selber aus der Siedlung verbannt. Schließlich sieht er keinen anderen Ausweg mehr, als seine Leute wegzuführen – aber was hilft’s: überall sitzen Padrones. Soldaten holen sie zurück. Pedro wird wegen Aufsässigkeit verhaftet und erschossen. Aber seine Arbeit und sein Opfer waren nicht umsonst; es besteht die Hoffnung auf neue Pedros, die in seinem Sinne weiterwirken. –

Nach Leif Jørgensens "Brennende Felder" (Signal 1976) ist dies die stärkste, beklemmendste Jugenderzählung zum Thema "strukturelle Gewalt" in der Dritten Welt, die erzählend analysiert und analysierend erzählt, den Leser zugleich packt und bedrückt, die die Zustände nicht wehleidig beklagt, sondern zeigt, wie sie geändert werden können. Dem Leser prägt sich ein: Abhängigkeit wird durch systematische Angsterzeugung prolongiert. Auf geringste Anlässe wird mit brutaler Härte geantwortet, und das immer mit der Gebärde eines "Vaters", der in seiner gütigen Fürsorglichkeit leider durchzugreifen gezwungen ist. Pedro steht zum Glück nicht mehr allein, er findet Unterstützung durch eine Kirche, die ihre Aufgabe mehr und mehr darin sieht, den Unter-Aufgabe beizustehen. Lernen verschafft ihnen die Möglichkeit, sich selber zu helfen. Damit machen sie ein Gesetz wirkungslos, das Analphabeten verbietet, in die Gewerkschaft einzutreten. Malte Dahrendorf

Der Klappentext kündigt "literarische Mittel eines Erwachsenenromans" an, und mir ist nicht ganz klar, ob das als Warnung oder als Werbung gedacht ist. Auf jeden Fall aber zeigt es wieder einmal, wie wenig selbstverständlich stilistische Ansprüche im Jugendbuch offenbar immer noch sind. Denn

Bernard Clavel: "Nacht über Malataverne", aus dem Französischen von Elinor Kirsch; Otto Maier Verlag, Ravensburg; 152 S., 16,80 DM ist einfach ein gut geschriebenes Buch, das sich nicht auf einen oberflächlich flotten Jugendbuchton einläßt. Der Autor verfolgt seinen Fall kompromißlos zu Ende. Literatur, auch für Jugendliche, hat keine andere Wahl, will sie ernst genommen werden,