Von Wil Tondok

Wir fahren von München ununterbrochen auf Autobahnen bis in die Eifel. Die deutschen Autobahnen sind vortreffliche Straßen – aber sie führen am Leben, an den Menschen vorbei. Jetzt, im Spätsommer, entsteht der Eindruck, dieses Land bestehe nur aus Wäldern, fruchtstrotzenden Feldern und versteckten, anmutigen Dörfern. Deutschlands Großstädte sind nichts als Namen auf Autobahnschildern.

Während wir bequem dahinbrausen, fällt mir ein, daß die USA das einzige Land unserer Reise waren, in dem wir auf guten Straßen zügig und kreuzungsfrei vorwärts kamen. Allerdings benutzten wir dort das Autobahnnetz erst, als wir durch die Plains von der West- an die Ostküste fuhren. Wir haben sie damit zum eindruckslosesten Stück der Reise gemacht. Eine Autostraßenlandschaft ohne Eigencharakter. Wir müssen aufpassen, daß wir in Deutschland nicht den gleichen Fehler machen.

Unsere Freunde in der Eifel wohnen am Rande eines kleinen Dorfes. Gleich nach der Ankunft machen wir eine Wanderung durch die scheinbar grenzenlosen Wälder. Judy, unsere Hündin aus Pakistan, erinnert sich ihrer Jugend, in der sie sich auf eigene Faust durchschlagen mußte--Wenn Rehe am anderen Waldesrand gemächlich äsen, zerrt sie an der Leine, ist kaum zu halten. Das Wild scheint an diesem späten Nachmittag, überhaupt keine Scheu zu haben, selbst der bellende Hund vermag es zu unserer Überraschung nicht in die Flucht zu treiben.

Am nächsten Tag bläst ein kalter Nordost. Im deutschen Sommer müssen wir Mäntel überziehen. Wir besuchen die Maare, die Kraterseen aus der vulkanischen Vergangenheit der Eifel. Sie erinnern uns an die ebenfalls kreisrunden Seen in den Trichtern erloschener Vulkane in Guatemala; sie waren dort zwar ein bißchen einsamer, aber auch nicht sehr viel schöner.

Später wandern wir in einem Naturschutzgebiet. Der Weg folgt einem windungsreichen Flußlauf, zu dessen Seiten sich blumenübersäte Wiesen bis zum Waldesrand ziehen. Die Wälder sind alt, bedecken geheimnisvoll und ein wenig düster die Berghänge. Viele Ausländer verstehen unter deutschem Wald die Ansammlung von Fabrikschornsteinen. Daß unser Land in seinen Mittelgebirgsgegenden viele solch einsame und ursprüngliche Landschaften bietet, ist weitgehend unbekannt. Es scheint auch den Public-Relations-Leuten zu entgehen; ich erinnere mich an keine fremdsprachige Werbebroschüre über Deutschland, die diesen Charakter besonders betont hätte.

Über dem Rhein-Ruhr-Gebiet liegen Autobahnen und Schnellstraßen wie ein Netz, das man übers Land geworfen hat. Man muß aufpassen, daß man sich nicht darin verfängt. Früher konnte man ohne Karte auf deutschen Autobahnen fahren, heute gibt es Parallel- und Verbindungsstrecken, Auf- und Abfahrten, die keineswegs unmißverständlich beschildert sind. Jetzt müssen wir nach dem günstigsten Weg suchen durch dieses Labyrinth.