Viele meinten, der demokratische Senator George McGovern sei von allen guten Geistern verlassen, als er jetzt den Einmarsch einer internationalen Friedenstruppe nach Kambodscha vorschlug. Hatte er sich nicht 1972 als Gegenkandidat Richard Nixons durch kompromißlosen Widerstand gegen die amerikanische Intervention in Vietnam hervorgetan? War über Nacht aus der liberalen Taube ein reaktionärer Falke geworden?

Verständlich sind die Gefühle des Senators allemal, wenn er zum Kreuzzug gegen das blutrünstige Regime in Kambodscha aufruft Aber ähnlich redliche Überlegungen haben vor nunmehr fünfzehn Jahren das amerikanische Volk in den vietnamesischen Schlamassel geführt. Die Schatten der Vergangenheit schrecken. Noch bei allen Kreuzzügen haben sich die lauteren Ziele des Ursprungs rasch mit weniger edlen Motiven – Macht, Ruhm, Gier, Geschäft – vermengt. Gemessen an den Realitäten, gerät McGoverns Idee zur Hanswurstiade. Weit und breit ist keine Weltmacht zu sehen, die sich auf einen Dschungelkrieg in Kambodscha einließe, um die grausamste kommunistische Herrschaft seit den Exzessen der Stalin-Ära zu stürzen. China würde sein Veto einlegen, und in der UN-Vollversammlung fände sich keine Mehrheit,

Die unverhoffte Volte des Senators aus Süd-Dakota offenbart den dauernden Zwiespalt des Liberalen, der das Böse aus der Welt schaffen, aber zugleich die Mittel der Macht beschränken möchte. Inzwischen hat McGovern die Gemüter beruhigt: Er habe die Weltöffentlichkeit lediglich schockieren, ihr Gewissen aufrütteln wollen. So stimmt sein Appell eher traurig: Wie schlimm muß es um diese Welt bestellt sein, daß einer, der den Massenmord anprangert, nur gehört wird, wenn er sich wie ein Narr gebärdet. kj.