Von Ruth Herrmann

Jork

Im Alten Land hinter dem Deich am Südufer der Niederelbe ist alle Jahre wieder Notstand im Wohlstand. Das größte geschlossene Obstanbaugebiet Europas erstreckt sich von der Estemündung bis ins Land Kehdingen, gehört teils zu Hamburg, zum größeren Teil zu Niedersachsen.

Quadratkilometer auf Quadratkilometer ist das Land ein einziger Garten mit ständig verjüngten Beständen an Kirsch-, Birnen-, Pflaumen- und Apfelbäumen, die in saftigem Gras stehen. Zur Zeit der Blüte ist die Gegend ein Rausch in Weiß.

Unmengen von Obst reifen da heran, vor allem Kirschen und Äpfel. Die wollen geerntet sein. 60 000 Doppelzentner Kirschen sind dieses Jahr schon vermarktet. Beim Pflücken halfen, wie immer, viele Kinder mit, vor allem kleine Ausländer, Nachwuchs der auf der Werft in Neuenfelde seit Jahren beschäftigten Türken.

Neben Birnen und Pflaumen, die nicht ins Gewicht fallen und in zwei, drei Tagen heruntergeholt werden, hängen zur Zeit zwei Millionen Doppelzentner Äpfel an den Bäumen, und die Bauern wissen noch nicht, wer sie ihnen pflückt.

Zwei Arten von Zugvögeln fallen zur Ernte ins Alte Land ein. Zur Kirschenzeit sind die Stare eine wahre Heimsuchung, sie gewöhnen sich an Knallapparate und andere Scheuchmittel und sollen diesmal ein Fünftel der Ernte gefressen haben.