Von Ulrich Goetz

Seit die klassischen Insektizide wie chlorierte Kohlenwasserstoffe, Phosphorsäure-Ester, Carbamate und wie sie alle heißen, bei Umweltschützern und staatlichen Genehmigungsbehörden in Ungnade gefallen sind, arbeiten die Chemiker fieberhaft an der Entwicklung neuer, "alternativer" und umweltfreundlicher Pflanzenschutzmittel.

Was Wunder, daß sie dabei in der Natur Ausschau nach neuen Pflanzenschutz-Wirksubstanzen halten: Schließlich können chemische Verbindungen, die bereits in der freien Natur vorkommen, so umweltschädlich nicht sein. Oder, um Paracelsus die Ehre anzutun, es ist immer erst die Dosis, die eine Substanz zum Gift werden läßt. Andererseits bietet sich beim Kopieren der Natur die Chance, unmittelbar ins biologische Geschehen des Schädlings einzugreifen – und das ist vergleichsweise sanfte Technologie, gemessen an den bisher praktizierten chemischen Holzhammermethoden.

Da enthalten beispielsweise, wie kürzlich bei der Tagung der Internationalen Union für reine und angewandte Chemie (IUPAC) in Zürich referiert wurde, zahlreiche Pflanzen chemische Verbindungen, die der Klasse der sogenannten Terpenoide angehören und die von Natur aus eine Insektizide Wirkung haben. Wie Forscher unlängst herausfanden, blockieren eine ganze Anzahl dieser Terpenoide den Geschmackssinn gewisser Getreidemaden, so daß die Schädlinge den Appetit auf die verbotene Frucht verlieren und schließlich eingehen. Allerdings ist die Wirkung sehr spezifisch; eine bestimmte Terpenoid-Verbindung wirkt jeweils nur gegen Maden einer einzigen Insektenart. Der Appetitzügler für alle vorkommenden Getreidewürmer konnte noch nicht gefunden werden.

Ein anderer Wissenschaftler köpfte 96 000 Seidenwürmer, um 720 Gramm Wurm-Gehirnmasse zu gewinnen, aus der er nach zwölf Reinigungsstufen ganze 3,5 Milligramm eines Stoffes extrahierte, der allerdings bereits in Spuren hochpotent ist: eines der Hormone, welche die Umwandlung der Larve zum Insekt steuern. Gelänge es, in diesen wohl wichtigsten und schwierigsten Lebensabschnitt eines Insekts einzugreifen, wäre zumindest eine Schlacht gewonnen: ohne Insekt keine Eier, und ohne Eier keine gefräßigen Larven.

Es konnte auch schon nachgewiesen werden, daß dieses Verwandlungshormon Peptid-Charakter hat, also aus einer kleineren Anzahl gewöhnlicher Aminosäuren zusammengesetzt ist. Doch muß nun erst die Molekülstruktur vollständig enträtselt werden und der Nachbau des Hormons im Reagenzglas und später im technischen Maßstab gelingen, bevor die Substanz gegen den Schädlingsfraß eingesetzt werden kann.

Pheromone, die chemischen Sendboten der Natur, sind beinahe überall anzutreffen. Algen wie Pilze kommunizieren innerhalb ihrer Kolonien mit Hilfe solch spezieller Substanzen, und selbst der Mensch bedient sich häufiger, als ihm vielleicht bewußt ist, dieses chemischen Geruch-Telephons. Bei vielen Insekten diktieren solche chemischen Lockstoffe das ganze Sexualleben und damit die Fortpflanzung: Weibchen senden eine Duftnote aus, die vom Winde verweht wird und sämtliche Männchen in einigen hundert Metern Entfernung in ihren Bann zu schlagen vermag.