Egon Bahr-ein außenpolitischer Störfaktor?

Von Kurt Becker

Der angebliche Spionagefall in Bonn, samt allen darauf aufgebauten finsteren Verdächtigungen, hat uns ein ebenso erschreckendes wie abschreckendes Schauspiel politischer Hemdsärmeligkeit beschert. Erst der Rufmord-Skandal einer vorzeitigen Publizierung der Spionagebeschuldigung, ermöglicht durch illoyale Beamte, die schon Details in Welt und Bild lancierten, noch ehe die Ermittlungen überhaupt begonnen hatten, sodann in Bonn die Eskalation der wechselseitigen Vorwürfe: Komplott mit der CIA, Denunziationskampagne, Diffamierung.

Aber die Affäre hat inzwischen ihr außenpolitisches Eigengewicht erhalten. Jetzt geht es nur noch am Rande um Spionageverdacht. Statt dessen steht Egon Bahr, der einstige Unterhändler der Ostverträge, im Mittelpunkt. Niemand weiß zwar, welche Informationen der nach Westen übergelaufene rumänische Generalleutnant der Abwehr Ion Pacepa dem amerikanischen Geheimdienst tatsächlich überreicht hat. Doch schon die angeblich auf Pacepa zurückgehende Behauptung, Egon Bahr hätte östlichen Hierarchen einen geheimen außenpolitischen Plan vorgelegt, genügte, um ein außenpolitisches Schattengefecht zu entfesseln.

Immerhin hat sich ja sogar die amerikanische Botschaft in Bonn auf Antrag Willy Brandts und Egon Bahrs eingeschaltet und erklärt, die US-Regierung besitze weder dokumentarisches noch sonstiges Beweismaterial aus irgendwelchen Quellen, nach denen Bahr Vorschläge für den Austritt der Bundesrepublik aus der Nato als Gegenleistung für eine Wiedervereinigung Deutschlands und eine sowjetische Nichtangriffsstrategie gemacht habe. Begreiflich war der Antrag an die amerikanische Botschaft schon. Aber die Botschaft als Aussteller eines Persilscheines für einen führenden deutschen Politiker – daß dies jemals notwendig erscheinen könnte, ist ein schlimmes Zeugnis für den Verfall der politischen Umgangssitten.

In Wirklichkeit ist die Sache allerdings nicht aus der Welt. Zu viele haben diesen Brei angerührt. Das auf politische Knüller fixierte amerikanische Kolumnistengespann Evans und Novak hatte schon Mitte August in der Washington Post das Gespenst einer neuen Rapallo-Version heraufbeschworen und Bahr dabei das Stigma eines nationalistischen Anführers einer deutschen Neutralisierungspolitik aufgebrannt. Der Londoner Daily Telegraph ging schon Ende Juli noch weiter und berichtete, Bahr habe Breschnjew in Moskau vor dessen Bonn-Besuch so weitgehende Konzessionen angeboten – ein neues mitteleuropäisches Entspannungsgebiet –, daß selbst die Kreml-Führer überrascht gewesen seien. Vieles davon ähnelt den Veröffentlichungen des amerikanischen Politik-Wissenschaftlers Walter Hahn aus dem Jahre 1973, der sich hierbei auf ein Gespräch berief, das er 1968 mit Egon Bahr, damals Planungschef im Auswärtigen Amt, geführt hatte.

Obwohl der Oppositionsführer Helmut Kohl eine Bundestagsdebatte fordert und dies mit den Worten begründet: "Wir wollen wissen, ob es einen neuen Bahr-Plan gibt und ob der Kanzler das deckt", glaubt niemand daran, Bahr hätte Breschnjew ein suspektes und geheimes Papier überreicht. Freilich kann auch niemand daran zweifeln, daß Bahrs Fähigkeit und Passion zum hypothetischen Denken zu erstaunlich eigenwilligen und vom Standard der amtlichen Politik abweichenden Ergebnissen führen kann. Man traut ihm zu, daß er ungefähr so denken könnte, wie es ihm unterstellt wird. Ignoriert wird freilich, daß er neben der politischen Phantasie ja auch über ein klares Urteil darüber verfügt, welche Denkmodelle auch tatsächlich praktikabel und durchsetzbar sind. Da er zudem die nüchterne Sprache der Ratio bevorzugt, mag mancher ausländische Gesprächspartner, zumal aus dem Osten, theoretisch entwickelte außenpolitische Optionen für die Inhaltsangabe eines Konzeptes halten.