Von Ulrich Schiller

Washington, im September

Präsident Jimmy Carter hatte vor der Nahost-Gipfelkonferenz in Camp David, die Mitte dieser Woche begann, zwei Risiken gegeneinander abzuwägen, als er das volle Gewicht und Prestige seines Amtes einsetzen wollte. Das eine Risiko lag in der Unaufhaltsamkeit des Erstickungstodes, den die israelisch-ägyptischen Friedensgespräche zu erleiden drohten, wenn Carter nicht noch einen letzten Rettungsversuch wagen wollte. Neue Gefahren eines israelischarabischen Krieges, eine bedrohte Ölversorgung der westlichen Welt und die Rückkehr der Sowjetunion in den Nahen Osten als Schutzmacht der arabischen Maximalisten wurden in Washington als mögliche Folgen eines totalen Zusammenbruchs der Friedensinitiative Sadats für möglich gehalten.

Das andere Risiko der Konferenz Carters mit Präsident Sadat und Ministerpräsident Begin besteht in den hochgeschraubten Erwartungen, die in diesen Gipfel gesetzt werden. Das Gipfeltreffen könnte jedoch auch mit einem Katzenjammer enden.

Carter hat sich für das zweite Risiko entschieden, obgleich er sich bei den Erfolgsaussichten keinen Illusionen hingibt. Die umfassende Friedensregelung für den Nahen Osten kann dieser Gipfel nicht bringen, und ein israelisch-ägyptischer Separatfrieden ist eigentlich ausgeschlossen. Carter hat einmal – noch als Präsidentschaftskandidat – gesagt, Gipfelkonferenzen hätten als Mittel der Diplomatie nur dann ihren Sinn, wenn ein gewisser Erfolg vorher verbürgt sei. Und doch hat er jetzt, auch auf die Gefahr hin, einen Mißerfolg hinnehmen zu müssen, den Schritt ins Ungewisse getan.

Braucht Carter so dringend den Zipfel wenigstens einer Erfolgschance, um endlich das beispiellose Tief seiner Popularität zu überwinden? Der Verdacht ist verbreitet. Die amerikanische Außenpolitik bietet freilich zur Zeit kaum Möglichkeiten, dem Präsidenten großes Ansehen einzutragen. Weder eine schärfere Gangart gegenüber den Sowjets noch der Abschluß eines zweiten Salt-Abkommens lassen einen innenpolitischen Auftrieb erwarten. Doch Carter befindet sich heute mehr als je ein Präsident zuvor im Einklang mit der Mehrheit der Amerikaner, wenn er versucht, die Position der Vereinigten Staaten im Nahen Osten auf zwei Fundamenten abzustützen: auf die Freundschaft einerseits mit Israel und andererseits mit den gemäßigten arabischen Staaten.

Dieses Ziel ist nicht neu. Schon Kissinger hatte deswegen den Israelis 1973 den Weg zum großen Sieg über die Ägypter verlegt. Er versuchte, Israel zu Konzessionen zu bewegen, um mit der im Gegenzug erhofften Anerkennung Israels durch die arabischen Staaten die Pax americana im Nahen Osten begründen zu können. Doch der Kongreß und die von der jüdischen Lobby stark geprägte öffentliche Meinung blieben bei ihrer einseitig pro-israelischen Parteilichkeit. Die Unterstützung Israels und die Billigung seiner Politik waren fast identisch. Die Möglichkeit eines Durchbruchs zum Frieden blieb jeder amerikanischen Regierung versagt, solange die Araber dem Staat Israel die Anerkennung verweigerten. Erst Ägyptens Staatspräsident Sadat eröffnete mit seinem Besuch in Jerusalem die Aussicht auf eine tiefgreifende Wende: in der Politik und in der öffentlichen Stimmung Amerikas.