Von Marlies Menge

Kunstauktionen in sozialistischen Ländern – das klingt für westliche Ohren wie ein Widerspruch. Im Sozialismus, so denkt man, sind Kunstwerke, zumindest solche antiker Natur, in den Händen des Staates, der sie zum Wohle der Allgemeinheit in seine Museen hängt, sie sozusagen sozialisiert. Kunstauktionen scheinen in dieses Denkschema gar nicht zu passen, denn die Preise sind durch Angebot und Nachfrage bestimmt; Museen können zwar mitbieten, doch nichts dagegen tun, wenn ein begüterter privater Kunstliebhaber sie überbietet und sich die Kostbarkeit zu Hause ins Wohnzimmer hängt, nur noch zugänglich für Frau und Kinder, allenfalls für ein paar Freunde. Dennoch gibt es Kunstauktionen, wenn auch selten, zum Beispiel in der DDR.

Letzte Woche fand eine solche Versteigerung im Ost-Berliner TiP statt. TiP ist das "Theater im Palast", im Palast der Republik. Es war die zweite TiP-Auktion. Sie soll eine ständige, jeweils an den letzten Augusttagen jeden Jahres wiederkehrende Einrichtung werden. Das Theater bot den Raum, das Zentralantiquariat in Leipzig die Bücher und Graphiken und den Auktionator.

Am ersten Abend wurden 131 Bücher versteigert, darunter Erstausgaben von Upton Sinclair, Heinrich und Thomas Mann, Hermann Hesse und Klabund, am zweiten Abend Graphiken: Arbeiten von Lovis Corinth, Otto Dix, George Grosz, Lea und Hans Grundig, Josef Hegenbarth, Anatoli Kaplan, Käthe Kollwitz, Max Schwimmer, bei den älteren Graphiken solche von Rembrandt, Chodowiecki, Daumier. Mit der Bemerkung, sehr wichtige Bücher und Kunstwerke würden natürlich zuerst in den Bibliotheken und Museen angeboten, zerstreute einer der Veranstalter diesbezügliche Bedenken gegen diese Reprivatisierung.

Wie alle Abende begann auch der zweite um 18 Uhr mit der Vorbesichtigung. Erlesenes DDR-Publikum erging sich im Foyer, aus den Lautsprechern rieselte leise Badi-Musik, am Büfett wurden Sandwiches und Getränke verkauft – das Ganze war nicht ohne Feierlichkeit. Die Karten waren restlos ausverkauft. Es kamen ungefähr 250 Menschen pro Abend; sie saßen an runden Tischen, auch auf den Treppen. Ein Kundiger meinte, daß das Publikum zu 95 Prozent aus Privatleuten bestehe.

Ein junger Mann vom Kupferstichkabinett in Dresden betrachtete bei der Vorbereitung sehnsüchtig die Blätter von Käthe Kollwitz; er hätte sie gern zur Vervollständigung der Dresdner Sammlung ersteigert, aber er wußte im voraus, daß das die Mittel des Museums übersteigen würde. Eines der drei Kollwitz-Blätter wurde denn auch von zwei eleganten Herren mit unbeweglichen Gesichtern in die Höhe gesteigert. Der eine gab bei 7000 Mark auf, der andere kapitulierte bei 10 050 Mark vor einem schriftlichen Gebot. Er ersteigerte eine Maillol-Lithographie für 9500 Mark und bekam für sein unermüdliches Bieten gleich zwei Rosen, denn: besonders unermüdliche Steigerer werden mit Rosen belohnt. So kam der Mann mit dem Maillol noch zu einer dritten Rose – für seine Hartnäckigkeit beim Bieten für einen Toulouse-Lautrec.

Der Auktionator Johannes Wendt vom Buchladen des Zentralantiquariates in Leipzig war in seriösem Anzug mit modischer Fliege erschienen. Er begrüßte die Gäste "im Namen des Theater-Kollektivs und des Zentralantiquariats", verkündete außerdem, daß ein Prozent des Erlöses auf das Solidaritätskonto gehe. Da nur 131 Titel an diesem Abend auf der Liste standen, konnten Auktionator und Käufer sich ein bißchen Zeit lassen. Es ging weniger hektisch zu, als man es auf westdeutschen Auktionen gewöhnt ist. Die Städteansichten, besonders die von Merian, gingen weg wie warme Semmeln; bei einem Blatt von Corinth gab es eine Rose, ein anderes blieb ohne Gebot, auch Kokoschka und Schmidt-Rottluff blieben liegen. Das Bildnis Thomas Manns, eine Radierung des Hamburgers Horst Janssen, ersteigerte der Leiter einer Ost-Berliner Galerie für 250 Mark. Viele Gebote gab es für Chodowieckis zwölf Blätter zu den "Anekdoten und Charakterzügen Friedrichs des zweyten, Königs von Preußen". Die beiden Rembrandts brachten 9050 und 1550 Mark.