Von Wolfram Siebeck

Es ist schon ein Kreuz mit dem deutschen Wein. Seine Dichter besingen ihn, seine Funktionäre prämiieren ihn, seine Hersteller halten ihn für den besten der Welt. Nur die Weinkenner mögen ihn nicht; für sie ist er Gesöff. Die Gründe dafür sind bekannt, schließlich ist das Dilemma nicht neu. Lächerlich niedrige Mindestmostgewichte und aberwitzig hohe Hektarerträge sorgen auf natürliche Art und Weise für eine Qualitätsverschlechterung; die Verwendung von Süßreserve und andere erlaubte Manipulationen bewirken das gleiche auf unnatürliche Weise.

Hinzu kommen die vielen Neuzüchtungen, die zwischen den traditionellen Rebsorten wirken wie bunte Fertigpuddings in einer Molkerei. Es handelt sich dabei um Traubensorten, die nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten das Licht der kunstgedüngten Welt erblicken: An einer Rebe sollen möglichst viele Trauben wachsen, sie sollen möglichst spät blühen und möglichst früh reifen – was sie dank der Tüchtigkeit unserer Züchter auch tun. Nur eines können sie nicht, die Neuzüchtungen: den guten alten Sorten das Wasser reichen. Das reicht der Gesetzgeber den Kellermeistern, damit die den sauren Wein verdünnen. Dennoch singen die Dichter, prämiieren die Funktionäre. Und der Konsument kauft.

Man könnte das alles achselzuckend übergehen. Wirkliche Weinkenner sammeln Adressen von den wenigen Winzern, die den Wein so ausbauen wie ihre Väter, denen das Wort "naturrein" noch nicht Anlaß für höhnisches Gelächter war. Wieso sollte man hier, wo Kennerschaft ja nicht mit der Muttermilch eingesogen wird, vom Konsumenten ein kritisches Unterscheidungsvermögen erwarten, wenn er es nicht einmal dort hat, wo es tatsächlich um Milch geht: Von der nichtpasteurisierten Kuhmilch bis zum sterilgemachten Endprodukt im verschweißten Plastikbeutel wurde dieses Naturgetränk so verändert, so denaturiert, daß man sich wundert, wieso das ohne Protest, wieso das überhaupt getrunken wird. Aber der Konsument, der die Zumutungen der Nahrungsmittelindustrie als gottgefällige Heimsuchung (wenn überhaupt als Heimsuchung) ansieht, dieser hochzivilisierte Zeitgenosse ist ja in der Überzahl. Und die Weinproduzenten nutzen das aus.

Das alles, wie gesagt, ist nicht neu. Zusammen mit der Nahrungsmittelindustrie ("aus deutschen Landen...") und der Schlagerbranche (Heino, Roy Black) bildet der Weinbau ein Triumvirat, dessen Gemeinsamkeit die Spekulation auf die Anspruchslosigkeit der Konsumenten ist. Dennoch ist die Lage nicht hoffnungslos. Abgesehen davon, daß die Außenseiter unter den Winzern eine ständig steigende Nachfrage nach ihren besseren Weinen registrieren, hat es das ja auch bei anderen Industriezweigen gegeben, daß sich aus anfänglich ziemlich mittelmäßigen Erzeugnissen die Deutsche Qualitätsarbeit entwickelte: Die Konkurrenz macht’s möglich.

Und Konkurrenz haben unsere Weinproduzenten immer mehr. Ein bekannter Bremer Importeur von überwiegend französischen Weinen bekannte unverblümt, sein Geschäft basiere zum größten Teil auf der Unfähigkeit der deutschen Winzer, trockene Weine herzustellen. Man könnte also auf das Regulativ des Wettbewerbs vertrauen und abwarten.

Wenn, und das macht die Misere dann doch ärgerlich, wenn diese Branche, die sich die süße Suppe selber eingebrockt hat, den Wettbewerb nicht geradezu als Beleidigung empfände. Anstatt ihre Erzeugnisse zur Konkurrenzfähigkeit zu verbessern, beansprucht sie maßgeschneiderte Gesetzesänderungen zum Schutze ihrer fragwürdigen Produktionsmethoden und Prämiierungsusancen. In einem Leitartikel jammert das offizielle Blatt der Deutschen Weinwirtschaft über den zu erwartenden hohen Ernteertrag des Jahrgangs 1978 (wahrscheinlich erstmals zehn Millionen Hektoliter), wovon nach den geltenden Bestimmungen wegen Minderwertigkeit nur 20 bis 30 Prozent als Qualitätswein bA eingestuft würden. Die Vorstellung, welch eine gewaltige Menge deutscher Weine dann lediglich als "Tafelwein" verkauft würde, erscheint der Weinwirtschaft nicht nur als wirtschaftliches Desaster (was es für viele Winzer sicherlich ist), sondern als nationales Unglück. Tafelweine nennt der Gesetzgeber nämlich die billigen, namenlosen Ausländer ohne Gütesiegel, ohne Geburtsurkunde.