Der letzte große Zeitungsstreik dauerte 140 Tage. Damals, es war 1963, zeigte Bürgermeister Fiorella La Guardia ein Herz für die Kinder und las ihnen Comics über den Äther vor.

Wieder ist die Medienhauptstadt der Welt ohne ihr gewohntes Quantum an täglichem Nachrichtenfutter. Die drei größten Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von über drei Millionen Exemplaren fehlen seit vier Wochen.

Doch die drei von den Druckern bestreikten Zeitungen versuchen, ihren Lesern das Los zu erleichtern. Die New York Times legt Abonnenten morgens den Philadelphia Inquirer vor die Tür, die Daily News richtete einen telephonischen Nachrichten-Ansagedienst ein, der alle zwei Stunden auf den neuesten Stand gebracht wird, und druckt eine tägliche Ausgabe für das Archiv, damit ihre Redakteure nicht aus der Übung kommen. Und schließlich gingen die arbeitslosen Journalisten selbst zu Werk. Das Ergebnis sind drei neue Tageszeitungen: The City News, The New York Daily Press und The New York Daily Metro. Mit wechselnd starker Times-, Post- oder News-Besetzung versuchen sie, dem Tagesgeschehen auf der Spur zu bleiben. Auch ohne Korrespondentennetz und ohne die Dienste der großen Nachrichtenagenturen. Sie haben nur eine Auflage von maximal 250 000, aber die Anzeigenkunden sind zufrieden. Kleine Pannen werden hingenommen: Die Leser sehen über vertauschte Bildunterschriften hinweg, und der Photo-Redakteur der Daily Press trocknet seine Bilder zur Not auch mit dem Fön.

Die eifrigen Interimsjournalisten werden möglicherweise mehr Zeit haben, solche Wachstumsschwierigkeiten zu überwinden, als ihnen lieb ist. Nachdem nun auch ihre Gewerkschaft, die Newspaper Guild, mit den Druckern und Auslieferern an einem Strang zieht, sehen manche Beobachter den Streik nicht vor Oktober enden. Zwar liegen einstweilen nur die Redakteure der Post mit ihrem Verleger, dem Pressezaren Robert Murdoch, in Fehde, aber ein Sympathiestreik ihrer Kollegen ist nicht mehr ausgeschlossen. Wie es ein Times-Reporter formulierte: "Die Verleger scheinen es darauf anzulegen, die Gewerkschaften kaputtzumachen, das hieße, uns in die kapitalistische Frühzeit zurückzukatapultieren – wir müßten ohne sozialen Schutz arbeiten."

Mit anderen Worten: Die so freudig begrüßten Alternativblätter sind mehr als Spielerei, sie werden schon als Arbeitsplatz für das New Yorker Journalistenheer gebraucht. Vielleicht überleben sie sogar länger als die sechs Interimszeitungen, die während des Streiks von 1963 mit ähnlicher Eile ausgedrückt wurden. Damals war es nur ein schon bestehendes Stadtteil-Blatt, die Village Voice die von dem plötzlichen Anzeigenboom und Leseinteresse auch noch profitierte, nachdem die großen Zeitungen längst wieder an den Verkaufsständen lagen.

Wo, wie in New York, 60 ethnische Gruppen nebeneinander leben, ist das Weltgeschehen auch nicht nur in Englisch ausgedruckt. Da haben der koreanische Gemüsemann, der Besitzer des griechischen Restaurants und der Zeitungsmann aus Pakistan ihr eigenes Blatt. Insgesamt 20 Tageszeitungen liegen täglich neu an den Verkaufsständen, und so geschah es an einem Streiktag, daß der nur des Englischen mächtige Bürger dem Italo-Amerikaner über die Schulter guckte und die Schlagzeilen von II Progresso zu entziffern suchte. Der Käufer in Chinatown, der am Stand unter sechs Tageszeitungen wählen konnte, mußte einem Vorübergehenden die Nachricht vom Abkommen zwischen China und Japan übersetzen.

Dann gibt es noch die vielen Stadtteilzeitungen, die sich normalerweise nur mit den Problemen von Mietern und Konsumenten befassen, jetzt aber eine Chance sehen, in die große Politik zu gehen. Sie verdoppeln und verdreifachen ihre Auflagen und fordern einen Vierteldollar, wo sie vorher das Blatt gratis verteilt haben.