Berlin im Herbst. In einer Einkaufsstraße steht ein kleiner Junge mit schwarzen Haaren und indianischen Gesichtszügen, trotzig und aufgeregt. Gleich wird seine Fahne – die des sozialistischen Chile – mitsamt den Luftballons in den grauen Himmel über der Stadt steigen, die Kamera wird nach oben schwenken, und doch kommt kein heroisches Tableau zustande: Keine mitreißende Musik begleitet den Flug, die Kamera schwenkt langsam zurück auf die schmutzigen Häuser.

Eine Sequenz aus Christian Ziewers vierten Film, seinem besten bislang: "Aus der Ferne sehe ich dieses Land", nach einer Erzählung des chilenischen Schriftstellers Antonio Skarmeta, der zusammen mit Ziewer auch das Drehbuch schrieb – die Geschichte einer chilenischen Familie in West-Berlin, einige Jahre nach dem Militärputsch gegen die demokratische Regierung Allende; einige Jahre aber auch nach den großen Solidaritätsdemonstrationen hierzulande, der breiten Front gegen Pinochet und seine Junta. Im Herbst 1977, als Franz Josef Strauß den Militärs in Chile seine Aufwartung macht und die demokratischen Zustände preist, geht es für Araya, der nach einer Überprüfung durch den Verfassungsschutz seine Arbeit verliert, und für seinen sechzehnjährigen Sohn Lucho um das alltägliche Überleben in einem fremden Land.

Der politische Kampf geht zwar weiter, aber die patriotischen Gesten und Sentiments sind sparsamer geworden. Andere Probleme scheinen wichtiger: die Arbeit, die Schule, die neue Sprache und die neue Musik (die der Großvater vergeblich als "syphilitisches Yankee-Gedudel" beschimpft). Aber dennoch der Versuch, die nationale Identität zu verteidigen.

"Aus der Ferne sehe ich dieses Land": Kein optimistisches Pamphlet über die Kraft des Widerstandes (die sich in kleinen Gesten äußert), sondern eine Zustandsbeschreibung, wenn auch keine völlig mutlose. Fast gänzlich ohne die didaktische Schwerfälligkeit seiner früheren Filme erzählt Christian Ziewer von einer Familie, die in die Kälte kam. Aus dem fernen Chile kommen manchmal Briefe mit schlimmen Nachrichten (ein Onkel wird erst verhaftet, später ermordet), die deutschen Gäste sitzen ratlos, beschämt, ohnmächtig dabei. Wirklich helfen kann keiner: Ein Film, langsam und ruhig, der einen schon zornig machen kann. Hans C. Blumenberg