Von Klaus-Peter Schmid

Die Türen von San Francisco stehen weit offen. In der mit rosaroten Gladiolen geschmückten Barockkirche nahe dem Alameda-Park kniet eine Handvoll versunkener Beter, den Blick auf den mit Gold überfrachteten Hochaltar gerichtet. Cortés, der Eroberer, hat hier einen Teil seiner immensen Beute in Frömmigkeit investiert. Gut 450 Jahre ist das her, und die Spuren der Conquistadores nehmen sich in Mexico-City wie Museumsstücke im tosenden Straßenlärm aus, der auch im Kirchenschiff nicht zu überhören ist.

Zweite Etappe: Yucatan. Die Regengötter zeigen kein Erbarmen. Ein paar Stunden lang entleeren sich die Wolken über Uxmal, das flache Land verschwindet hinter dem Regen Vorhang. Doch dann setzt die Sintflut aus, von der Spitze der Maya-Pyramide geht der Blick über die Wilder bis zu den dunklen Hügeln in der Ferne, die eine der großartigen präkolumbianischen Kultstätten einrahmen. Kein Dunst, kein Autolärm, nur aufgeregtes Vogelgezwitscher und über tausend Jahre Geschichte.

Schließlich die Insel Cozumel. Auch hier gießt es, als das Flugzeug auf dem Rollfeld aufsetzt. Die Gepäckträger sehen in ihrem gelben Ölzeug aus, als kämen sie geradewegs von den Fischerbooten. "Können Sie nicht ein ganz klein bißchen lügen?" fragt augenzwinkernd ein Tourismus-Funktionär. Doch am nächsten Morgen scheint die Sonne, die Moskitos haben sich verkrochen, das Meer strahlt in den schönsten karibischen Farbtönen. Ein leiser Wind und schattige Palmen machen die Hitze zum Vergnügen. Feriengenuß in Perfektion.

Mexico-City, Yucatan, die Karibikküste – das sind drei Stationen in einem bei deutschen Touristen immer noch wenig bekannten Reiseland. Dabei hat es unzählige Gesichter. Neunhundert, sagen manche, genau wie die neunhundert Gesichter der farbenfrohen Fresken, die im Regierungspalast von Mexico-City die bewegte Geschichte des Landes erzählen.

Die Hauptstadt ist heute mit ihren Vororten so groß wie New York oder Tokio. Und sie ist genauso aufregend, aber nicht schön. Eine erschreckende Luftverschmutzung belastet das Zentrum, in dessen Straßen sich indianische und spanische Tradition mit amerikanischem Business und europäischem Chic mischen. Eine verwirrende, alles andere als langweilige Mixtur. Sehenswürdigkeiten sind rar: die Kathedrale vor allem, eine Handvoll Gebäude aus der Kolonialzeit, der Alameda-Park, der Platz der drei Kulturen, aber daneben sind unzählige Märkte zu entdecken. Sie bieten wirklich alles, vom Kunsthandwerk aller Provinzen und Volksgruppen bis zu Papayas und Nüssen, vom handgestickten Kleid bis zum Elektrokocher aus dritter Hand.

Vor allem aber hat Mexico-City ein außergewöhnliches Museum: das Museo Nacional de Antropologia. Ganze Tage lassen sich hier verbringen, inmitten vom Kostbarsten, was die Archäologen im ganzen Land ausgegraben haben. Mit großem pädagogischen Geschick wird Geschichte präsentiert: Riese’nstatuen thronen neben täuschend echt nachgebauten Grabstätten, Goldschmuck liegt neben tönernen Kultgefäßen. Eine bessere Vorbereitung auf die Fahrt durch das Aztekenland und seine Geschichte läßt sich kaum denken.