So viel Schludrigkeit erfaßt man am besten quantitativ: Auf 129 Gedichtseiten präsentiert das 546. Bändchen der "Bibliothek Suhrkamp" 64 Patzer, also auf jeder zweiten Seite einen –

Wilhelm Lehmann: "Gedichte", Auswahl und Nachwort von Karl Krolow; BS 546, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 152 S., 10,80 DM.

Im ganzen sind es 119 Gedichte, fast jedes zweite ist demnach fehlerhaft. Das ergibt sich aus dem Vergleich mit dem Abdruck dieser Gedichte im dritten Band der (angeblich) "Sämtlichen Werke", für die Wilhelm Lehmann selber Korrektur gelesen hat. Weitere acht Gedichte. mit zwei sinnentstellenden Suhrkamp-Varianten entstammen dem Bändchen "Sichtbare Zeit", das noch zu Lebzeiten des Autors erschienen ist, also als korrekt gelten kann,

Halten wir uns nicht mit Zeichensetzung auf; Punkt oder Komma, Semikolon oder Gedankenstrich – so kleinlich darf ein Leser von BS 546 nicht sein. Obwohl es ein Unterschied ist, ob Lehmann seine Begriffsbeschwörung mit Leichtigkeit ausübt: "Ich spreche Mond. Da schwebt er, / Glänzt über dem Krähennest oder ein Tiefsinnsbalken gesetzt wurde: "Da schwebt er –", bevor die Beschreibung weitergeht. Die hat dann ein ganz anderes Gewicht. Nämlich falsches.

Schlechter ist es, wenn sein und dein, mir und dir verwechselt ist. Jeweils nur ein falscher Buchstabe. Doch er tut große Wirkung. Er macht aus Poesie Blech. Wenn Wörter umgestellt wurden, wenn "seine" aus "ihre" wurde, dann fällt es schwer, an Druckfehler zu glauben. Dann kommt der Verdacht auf, man habe sich etwas dabei gedacht. "In seine Säfte taucht / Den Pinsel Renoir" – das ergibt Sinn, freilich einen unappetitlichen, den Lehmann sich nicht träumen ließ. Er meinte: Säfte von Pfirsichen und Pflaumen: "in ihre Säfte...". Blanker Blödsinn ist da womöglich noch das kleinere Übel. Raten Sie mal, was "erdebleichter" bedeuten soll. (Der Zusammenhang hülfe nicht weiter.) Wenn Mai: seine Blüte schwankt statt schwenkt, Maulwurfshügel quellen statt schwellen, Grus aus Marmor ein "weiß aufstäubender Gruß wird, ein Ameisenhaufen sich träumt statt sich türmt, so sind das gottlob kleine Unterschiede im Vergleich zu dem zwischen Arion und Orion.

Es bleibt eine Schande, daß hier einer, der es genau nahm, für den es jeweils nur ein einziges, richtiges Wort gegeben hat, präsentiert wird, als habe er Astern nicht von Ostern unterscheiden können. Wie zum Hohn beginnt Karl Krolows Nachwort mit dem Satz. "Wenn es eine literarische Folgerichtigkeit gibt, so kann man sie in den Gedichtbüchern Wilhelm Lehmanns entdecket; und studieren." Krolows Auswahl folgt im wesentlichen der in den (inzwischen verramschten) "Sämtlichen Werken".

Übrigens besitzt der Suhrkamp Verlag das Copyright für nur elf Lehmann-Gedichte. Hätte der Verlag Krolows Potpourri auf das urheberrechtlich Erlaubte reduziert, würde es nur vier Fehler enthalten. Hans Daiber