Von Gabriele Venzky

Vor der Tür seiner Baracke hatte der alte Mann ein paar Felle aufgehängt. Kräuterbündel baumelten von den Sparren unter dem Wellblechdach, ein paar Knochen bleichten in der Wintersonne des südafrikanischen August. In zerschlissenen alten Militärmänteln, in Decken gehüllt, hockten Wartende vor der Tür, hustend und rotzend die einen, stumpf vor sich hinstarrend andere. Mit einer Handbewegung scheuchte eine Frau Fliegen von den eitrigen Beulen an ihren Beinen.

Der witchdoctor, der Medizinmann, hielt Sprechstunde, irgendwo in Soweto, dem Ein-Millionen-Getto der Schwarzen von Johannesburg. Dreißig Kilometer entfernt von den Bastionen weißer Technologie und weißen Fortschritts, einige Minuten auch nur entfernt vom Baragwanath-Hospital, dem größten Schwarzafrikas, von weißen Südafrikanern ins Getto gestellt.

Doch das Krankenhaus hat die Popularität des Medizinmannes nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, über Patienten braucht er sich keine Gedanken zu machen. Er genießt hier Ansehen und Vertrauen, mehr vielleicht noch als die Ärzte in jenem Krankenhaus, mit ihren modernen Apparaten und funktionstüchtigen Operationssälen.

Der alte Mann strahlt: "Ich weiß besser, was den Afrikanern fehlt als die da drüben." Zwischen zwei Steinen zerstößt er ein paar Kräuter, Wurzeln, Knochen, füllt das ganze mit einer undefinierbaren Flüssigkeit in einer Coca-Cola-Flasche auf, verabreicht dem vor ihm sitzenden jungen Mann einen Löffel voll – der schüttelt sich – und befiehlt ihm streng: "Nicht mehr als zwei Löffel pro Tag, das bringt deine Eingeweide und dein Gehirn wieder zusammen." Der junge Mann leidet an Depressionen.

Mein Begleiter, weiß, Sozialarbeiter, seit elf Jahren in Soweto tätig, zuckt die Achsel und blickt zum Himmel, so als ob er sagen wollte: "Glaube kann Berge versetzen."

Vielleicht tut er das wirklich. Vertrauen hilft heilen, und einheimische Kräuter schlagen häufig besser an als Antibiotika und Sulfonamide. Dennoch strebt die Welt, vor allem die unterentwickelte danach, sich als höchstes Glück die Segnungen westlicher medizinischer Technologien zu verschaffen. Doch mittlerweile hat ein bitteres Erwachen stattgefunden. Sogar die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen WHO) muß jetzt den Offenbarungseid leisten: Dreißig Jahre lang hat sie versucht, westliche Medizin den Entwicklungsländern aufzudrängen. Damit ist sie gescheitert. Denn diese Politik war falsch. Mehr Menschen in der Welt sind heute krank, sind ohne jede medizinische Versorgung als jemals zuvor. Und das nicht, weil zu wenig auf diesem Gebiet getan worden ist, sondern weil der Ansatzpunkt nicht richtig war.