Wenn das politische Bonn mit anderen Welten in Berührung kommt...

Von Carl-Christian Kaiser

"Dieses Fest", so sprach der Kanzler zu seinen Gästen, "ist a priori keiner Erkenntnis zugänglich." Auf Helmut Schmidts großer Sommerfete ging es ziemlich lateinisch zu. Denn das "heitere Philosophicum", zu dem er am letzten Samstag in Park und Erdgeschossen des neuen und des alten Kanzleramts gebeten hatte, war abgeleitet vom gerade beendeten Weltkongreß für Philosophie in Düsseldorf. Und ein paar hundert Philosophen, darunter viele aus anderen Staaten, auch aus dem Ostblock und auch aus der DDR, waren mit von der Partie. Nein, zu dem a priori, so der Regierungschef weiter, "brauchen Sie so etwa ab Mitternacht zusätzlich die aus der Erfahrung stammende Erkenntnis des a posteriori".

Nach Mitternacht? Die letzten 200 Gäste wurden um fünf Uhr dreißig hinauskomplimentiert, und unter denen, die man noch in der ersten Morgenröte sah, befanden sich Horst Ehmke, Hermann Höcherl, Helmut Rohde und Karl Schiller, der auf allen Festen wieder ein unwahrscheinliches Sitz-, Steh- und Bewegungsvermögen zeigt. Welche Erkenntnisse und Erfahrungen jene Zweihundert und die Viertausenddreihundert, die vor ihnen gegangen waren, nach Hause trugen, läßt sich nur vermuten. Es werden sehr verschiedene gewesen sein – zum Beispiel in Sachen Selbstironie.

Gelächter, Beifall, aber auch Raunen gingen durchs große Festzeit auf der Kanzlerwiese, als zum Auftakt das Damentanzcorps "Die Rheintöchter" einzog, auf den Schultern ein Kanzler-Double mit perfekter Maske. Das hielt dann, nach Schmidts Ansprache und vom Regierungschef mit hypnotisierenden Bewegungen begleitet, zu einem Schwebeakt über brennenden Kerzen her, als Beweis, daß es nicht schlimm ist, wenn man in Bonn den Boden unter den Füßen verliert oder sich in einer Schwebelage befindet. Gerade im Augenblick ist ja vieles in der Schwebe, vom jüngsten Spionage-Rummel bis zu den Hessen-Wahlen.

Das Raunen angesichts des Kanzler-Doubles und des Kerzenaktes stammte von älteren Semestern. Und manche betrachteten mit etwas zugekniffenen Augen auch die Photomontagen an einer Stellwand im Kanzlerbau: recht entblößte antike Torsi mit den Köpfen derzeit regierender Politiker. Hans-Dietrich Genscher etwa, zwar mit Schlips, sonst aber nackt, oder Regierungssprecher Bölling, zwar mit wehender Toga, sonst aber offenherzig, und beide von vorn – das schien einigen doch die Weisheit zu vernachlässigen, daß man, wie Helmut Schmidt mit einem Cocteau-Zitat gesagt hatte, wissen müsse, "bis wohin man zu weit gehen kann".

Mit der Selbstironie also hat es seine Schwierigkeiten. Aber sie besitzt schon Tradition, zum Beispiel aus dem letzten Jahr, als der Regierungschef beim Sommerfest, damals im Bonner Stadttheater, mit Go-Go-Girls auftrat, oder von seiner ersten Fete her, 1974, als er den Kopf durch einen Pranger schob. Das Photo lief um die ganze Welt: Dahinter steckt Methode: nichts mehr vom repräsentativem Pomp etwa aus den Zeiten Wilhelms oder der Diktatur. Und Schmidt, der angeblich steife Hanseat, macht mit, sogar mit Spaß, zur – positiven oder negativen – Verblüffung vieler.