Dietrich Stobbe, nun seit ein und einem Viertel Jahr Regierender Bürgermeister in Berlin, hat noch nicht alles erreicht, was er sich nach der Ablösung seines Vorgängers Klaus Schütz vorgenommen hatte. Doch unverkennbar ist auf die Lethargie des Schütz-Senats, der sich zuletzt in der Bewältigung von Affären verzehrte, ein frischer Wind gefolgt. Er hat nur noch nicht alle staubigen Ecken im Rathaus Schöneberg, in den Bezirksrathäusern und den städtischen Unternehmen ausblasen können.

Das, meint der SPD-Regierungschef, sei in so kurzer Zeit auch nicht zu erreichen gewesen. Jetzt, nach den Ferien, geht es allmählich in den Wahlkampf. Vernünftige Entscheidungen sind dann ohnehin nicht mehr möglich, weil der Koalitionspartner FDP immer unsicherer wird.

Zwei "wirkliche Dellen" mußte Stobbe in seiner Amtszeit einstecken, die Befreiung des mutmaßlichen Terroristen Till Meyer aus der Haftanstalt Moabit und das Hickhack um das geplante Spitzenlastkraftwerk. In beide Vorgänge war die FDP verwickelt. Daß nach terroristischen Aktionen wie in Moabit automatisch Senatoren zurücktreten sollten, will Stobbe auch heute noch nicht einsehen: "Während ich hier sitze, kann doch gerade wieder so etwas passieren!" Deshalb wurde der Justizsenator Baumann zunächst gehalten, natürlich auch, weil die FDP in den Tagen vor und nach den Wahlen von Hamburg und Niedersachsen wie gelähmt war. Als der Senator aber nicht mehr zu stützen war und sich die Haltung der FDP lockerte, habe man doch rasch gehandelt, merkt Stobbe an. Mit dem neuen Justizsenator Meyer aus Hamburg ist er recht zufrieden; jede interne Berliner Lösung wäre gewiß schlechter gewesen.

Das Verhalten der FDP in der Kraftwerksplanung nimmt Stobbe noch heute übel. Die Arbeiten an einem neuen Grundlastkraftwerk können infolge gerichtlicher Auflagen und Planungsänderungen zunächst nicht begonnen werden; auch die neuen Planungen werden voraussichtlich durch Klagen von Bürgerinitiativen verzögert. Deshalb war als Notlösung zunächst in Neukölln ein Spitzenlastkraftwerk vorgesehen, das schneller zu bauen ist und bei möglichen Engpässen angezapft werden könnte. Je früher das Planungsverfahren eingeleitet wird, desto sicherer kann eine eventuelle Energielücke zu Beginn der achtziger Jahre geschlossen werden. Würde das Grundlastkraftwerk in Spandau aber doch rechtzeitig fertig, könnte man immer noch auf das Neuköllner Kraftwerk verzichten.

So wollte es der Senat, so wollte es der Wirtschaftsausschuß, und in beiden Gremien stimmte der FDP-Wirtschaftssenator mit der SPD-Mehrheit. Die FDP-Fraktion aber veranstaltete einen Aufstand, sprach vom "absolutistischen Stil des Herrn Stobbe" und behauptete, es bestehe für das Neuköllner Projekt "zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine energiepolitische Notwendige keit". Senator Lüder kippte um; unter dem Druck der FDP wurde das Vorhaben für ein Jahr auf Eis gelegt – bis nach der Wahl im März 1979.

Die unzweideutig wahltaktische Komponente des Possenspiels ist es, die Stobbe so ärgert. Er sieht darin eine Verbeugung vor den "Grünen". Der jüngste Streit um den Bau einer Zuführung zur geplanten Nord-Autobahn ist ähnlicher Natur – Bausenator Ristock (SPD) möchte ein Wohngebiet schonen, Senator Lüder ein paar tausend Bäume. Ob die FDP mit solcher Taktik nicht eher Stimmen verliert als gewinnt? Rutscht Stobbes Koalitionspartner bei der nächsten Wahl im März 1979 unter die Fünf-Prozent-Hürde, dann gäbe es ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU, dessen Ausgang ungewiß ist.

Nicht an der FDP, sondern an der Mitbestimmung scheiterte eine der Lieblingsideen des neuen Regierenden Bürgermeisters: die Einführung von Stechuhren im öffentlichen Dienst. Eine Schiedskommission, der drei Personalvertreter, ein neutraler Arbeitsrichter und drei Arbeitgebervertreter – also Senatsbeamte – angehören, lehnte die Zeitkontrolle ab, und es ist nicht einmal sicher, wer da Stobbes Plan blockiert hat.