Von Ulrich Völklein

Frankfurt

In acht Städten der Bundesrepublik suchen die Ortsverbände der Deutschen Friedensunion (DFU) derzeit ihr Heil auf dem Wasser. Aus Anlaß des "Antikriegstages 1978", dem 39. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, chartern sie schmucke Fahrgastschiffe und veranstalten "Friedensfahrten" auf allen hinlänglich geeigneten Gewässern. Bei Wein und Selbstgebackenem, Kultur und auch ein bißchen leichter Muse wollen die Nachkömmlinge Berta von Suttners für den Frieden streiten: "Die Waffen nieder", statt der üblen Wacht am Rhein.

Gewiß eine edle Absicht. Doch sind diese Dampferfahrten nicht bloß ein Betriebsausflug einer arg zusammengeschmolzenen Vereinigung betagter Friedensfreunde, nur ein Familientreffen versponnener Pazifisten? Oder umgekehrt, sind sie gar, wie vielleicht Verfassungsschützer vermuten mögen, als hintersinniges Unterfangen darauf angelegt, den Wehrwillen des verteidigungsbereiten deutschen Bürgers mittels Kaffee und Kuchen, Tanz und Tombola in östlichem Auftrag zu untergraben? "Quatsch mit Sauce", sagt Lorenz Knorr, Direktoriumsmitglied der DFU, "wir wollen durch solche Fahrten und Veranstaltungen auf den friedensbedrohenden Wahnsinn des Wettrüstens in Ost und West aufmerksam machen."

Mal sehen: zum Beispiel in Frankfurt, 2. September, 8.30 Uhr, am Eisernen Steg. Der "Wikinger", so heißt das Friedensschiff, dümpelt vor sich hin. Verkaufsoffener Samstag, Parkplätze sind rar – dennoch, die ersten Mitfahrer tauchen auf. Die Pessimisten unter ihnen tragen Friesen-Nerz, das Einheitsgelb des deutschen Sommers; braungebrannte Optimisten schwingen bunte Regenschirme und versichern jedem bläßlichen Daheimgebliebenen, daß ohne solchen Sonnenschutz Kreta ganz unerträglich gewesen wäre.

Eine Stunde später: Das Schiff legt ab. 250 Friedensfahrer sind an Bord. Der Kapitän begrüßt sie routiniert. Mit ihnen sei er besonders gern unterwegs, sagt er, weil auch er sich zu den Friedensschiffern zähle. Eine Freundlichkeit, die ihm angesichts des Fahrpreises von 15 Mark nicht sonderlich schwer über die Lippen gegangen sein mag. Trotzdem, Beifall lohnt ihm die gewagte Metaphorik.

Das Programm beginnt bei Sonnenschein. Zwei junge Liedermacher aus Heidelberg und eine Theatergruppe der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG/VK) haben sich durch den aufhaltsamen Aufstieg des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger zu Hoffnungen allgemeiner Art beflügeln lassen: "We shall overcome some day," Fasia Jansen, die Sängerin der Ostermärsche und aller Bekenntniswogen seitdem, läßt in ihren Liedern keinen Zweifel daran, wem ihre Solidarität gehört. Ein von Berufsverbot bedrohter Postler, Egon Momberger aus Giessen, gewinnt den ersten Preis der Tombola – ein Trimm-Dich-Rad.