Von Heinz Abosch

Als im Frühjahr 1977 Menachem Begin die seit Jahrzehnten regierende Arbeiterpartei ablöste, war eine Epoche beendet. Die Partei, die den Staat und die Wirtschaft maßgeblich getragen hatte, war abgenützt. Mit Begin brach eine Tendenz durch, die seit ihrer Gründung in den zwanziger Jahren die zionistische Mehrheit bekämpft hatte. Die Cherut-Partei verkörpert das Erbe des von Wladimir Jabotinski begründeten "Revisionismus". Die Methoden der zionistischen Bewegung sollten in einer betont militanten Art "revidiert" werden. Jabotinski forderte früh den Kampf für den Judenstaat, der auch den Sinai und Jordanien umfassen sollte. Nicht Aussöhnung mit den Arabern war. sein Ziel, sondern deren Unterwerfung. Die Araber sollten die jüdische Vorherrschaft anerkennen.

Was 1948 möglich wurde, erschien in den zwanziger Jahren als haltlose Illusion. Diesen wenig bekannten Zweig des Zionismus behandelt

Nachum Orland: "Israels Revisionisten. Die geistigen Vater Menachem Begins"; tuduv Verlagsgesellschaft, München; 220 S., 32,– DM

Wer war dieser geistige Vater, von dem, Begin einst sagte: "Wenn ich einen Befehl erteile, habe ich das Gefühl, daß Jabotinski hinter mir steht und mich auffordert, diesen Befehl zu erteilen." 1880 in Odessa geboren, studierte er in Bern und Rom, schrieb für liberale russische Zeitungen. Ein assimilierter Jude, den erst die Pogrome von 1903 zum Zionismus bekehrten, ähnlich wie Theodor Herzl durch die Dreyfus-Affäre das nationale Judentum entdeckte. Jabotinski betrachtete die Politik wesentlich unter dem Aspekt der Macht. In Palästina wollte er die jüdische Vormacht sichern, die Araber müßten "sich mit dem Gedanken abfinden, daß alles im Lande von den Juden kommt". Jabotinski wollte "die Wilden zähmen". Solch ein Geist kann gewiß als "fast kolonialistisch" bezeichnet werden, wie es Orland tut. Im übrigen hielt der stürmische Dränger nichts von sozialistischen Experimenten; der Aufbau in Palästina sollte vor allem Sache des Mittelstands sein.

Getreu seiner militanten Auffassung setzte Jabotinski sich während des Ersten Weltkriegs für die Schaffung der Jüdischen Legion ein, die England bei der Eroberung Palästinas unterstützte. Schon damals glaubte er, den Judenstaat verwirklichen zu können, aber die Jüdische Legion zählte nur 5000 Mann, während der jüdische Bevölkerungsanteil ganze zehn Prozent erreichte. Jabotinskis Projekte waren Luftschlösser; die zionistische Mehrheit optierte mit gutem Grund für ein pragmatisches Vorgehen,

Orland nennt die revisionistische Politik "probritisch"; das war sie keineswegs, denn sie zielte immer mehr auf einen Konflikt mit England ab. 1935 trennten sich die Revisionisten von der Mehrheit, zwischen beiden Fraktionen kam es sogar zu blutigen Zusammenstößen. Arlosoroff, ein Repräsentant der Arbeiterpartei, wurde ermordet, der Verdacht fiel auf Revisionisten. "In Palästina war noch nie ein solcher Ausbruch innerjüdischen Hasses zu verzeichnen gewesen", schreibt Orland. Jabotinski setzte die Statuten seiner Bewegung außer Kraft und proklamierte sich selbstherrlich zum Führer.