Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im September

Plötzlich gibt es keine Parkplätze mehr in Paris, der Verkehr stockt wie gewohnt, die U-Bahn platzt zu den üblichen Stunden aus den Nähten. In den Zeitungen verkünden die Gewerkschaftsführer, der heiße Herbst stehe vor der Tür, und im Fernsehen gibt es statt verstaubter Filmkonserven braungebrannte Politiker zu sehen, die nach wochenlangem Schweigen vor die Kameras drängen. Frankreich erlebt seine alljährliche "rentrée", das abrupte Ende der Ferien und die Rückkehr zum politischen und sozialen Alltag.

Keine "rentrée" ohne Meinungsumfrage, diesmal steht sie im Magazin Le Point. Kommunistenführer Georges Marchais kommt danach etwas angeschlagen aus dem Urlaub in Rumänien zurück, und auch die Autorität des Sozialisten François Mitterrand scheint zu wanken. Dem Gaullisten Jacques Chirac geht es nicht viel besser. Die unlustige Miene von Premierminister Raymond Barre wird nach der Lektüre verständlicher; Die Franzosen ertragen ihn, aber sie lieben ihn nicht. Selbst Valéry Giscard d’Estaing hat, genau besehen, keinen Grund zum Lachen: Er hält sich beachtlich in der Volksgunst, aber ohne Glanz. Nach seinem respektablen Wahlsieg vom Frühjahr hat ihm das Publikum offenkundig den Glorienschein versagt.

Dabei hat gerade der Staatspräsident die letzten Monate genutzt. Er wirkt überlegter und hat seinem Regierungsentwurf mehr Bewegungsfreiheit zugestanden. Seine innenpolitische Taktik ist heute weniger spektakulär als vor den Wahlen, dafür um vieles subtiler. Ein Beispiel, das Verhältnis zu den Gaullisten und ihrem Präsidenten. Jacques Chirac, kann es belegen. Vergessen sind die Zeiten, als in der Umgebung des Präsidenten die offene Devise ausgegeben wurde, die Bruderpartei zu zerschlagen und ihre Abgeordneten vom Pfad gaullistischer Tugend abzubringen. Gerade diese Taktik hatte das verschreckte Häuflein der Gaullisten unter die Fittiche ihres neuen Wundermannes Chirac getrieben.

Nach wie vor steuern die Jünger des Generals einen begrenzten Konfliktkurs, doch sie folgen den strammen Sprüchen Chiracs nicht mehr widerspruchslos. Chirac kann nicht mehr sicher sein, daß seine Abgeordneten blind mit ihm marschierten, wenn er zum Angriff auf die Regierung blasen würde. Giscard hat die Wahlen gewonnen, nicht Chirac, das hat sich auch unter den Gaullisten herumgesprochen. So lenken sie sogar in der leidigen Frage der Wahlen zum Europäischen Parlament ein. Im Frühjahr jammerten sie noch über die Preisgabe der französischen Unabhängigkeit und den Ausverkauf nationaler Interessen. Jetzt sind viele bereit, auf einer gemeinsamen Liste mit den übrigen Regierungsparteien zu kandidieren. Wer gestern noch als "Atlantiker" verhöhnt wurde, ist heute ein respektabler Partner.

Das zweite Beispiel für Giscards erfolgreiche Kleinarbeit: die Öffnung zur Opposition. Anfang dieser Woche akzeptierte der Linksliberale Robert Fabre den Auftrag, für die Regierung einen Bericht zum Problem der Arbeitslosigkeit zu erstellen. Vor den Wahlen hatte Fabre noch als dritter Partner im Linksbündnis für Verstaatlichungen und kommunistische Minister gekämpft, nun reichte er Giscard die Hand zu einer "demokratischen und konstruktiven Opposition". Trotz aller verbalen Ausflüchte gibt es keinen Zweifel, daß hier ein erster, wenn auch noch schwankender Sieg über den Abgrund gelegt wurde, der Rechte und Linke in Frankreich seit Jahren trennt. Der Apotheker Fabre, alles andere als ein Wirtschaftsfachmann, ist ein willkommenes Aushängeschild für Giscards Bemühen, seine Politik auf eine breitere Basis als bisher zu stellen, sich schließlich als der Mann zu profilieren, der alte Barrieren überwindet.