Von Marion Gräfin Dönhoff

Viel Spott hat unsere auf ständig wachsende Zentralgewalten eingeschworene Zeit über die Duodez-Fürsten vergangener Jahrhunderte ausgegossen. Wer Wolfenbüttel, die ehemalige Residenz der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, besucht, kann über diesen Hochmut wiederum nur spotten.

In Wolfenbüttel hat ein Herzog namens Julius, der von 1528 bis 1589 sein Herzogtum regierte, den Grundstock für eine einzigartige, weltberühmte Bibliothek gelegt, die nun seit einigen Jahren neuer Aktivität erschlossen wurde – kurioserweise gerade durch eine jener Großorganisationen unserer zentralgewaltigen Zeit: die Volkswagen-Stiftung.

Jener gelehrte Herzog Julius, der in Köln und Löwen studiert hat, sammelte seit frühester Jugend Bücher. Im Jahre 1572 erließ er eine "Liberey-Ordnung", die gewissermaßen die Grundordnung der Wolfenbüttler Bibliothek darstellt. Er war zum Protestantismus übergetreten und hatte, ganz vom Geist des Humanismus durchdrungen, die Universität von Helmstedt gegründet. Als Landesherr hatte er verfügt, daß die Handschriften, Evangeliare und seltenen Gebetsbücher der Klöster und Stifte in Wolfenbüttel zu konzentrieren seien; ferner legte er den Grundstein für die wahrscheinlich größte Luther-Bibliothek – es sind 8000 Druckschriften und Flugblätter. Er war es auch, der den ersten Bibliothekar einstellte, dem später so berühmte Leute wie der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz und Ende des 18. Jahrhunderts schließlich Gotthold Ephraim Lessing nachfolgen sollten.

Der Sohn, Herzog Heinrich Julius, hatte die Sammlerleidenschaft seines Vaters geerbt. Ihm gelang es, einen großen Coup zu landen, indem er 1597 die zu jener Zeit berühmte Bibliothek des Theologen Matthias Flacius Illyricus erwarb. Sie enthielt Handschriften aus dem 9. Jahrhundert und vorkarolingische Gesetzessammlungen neben vielen dazumal modernen antikatholischen Zeitschriften.

Die wirklich große Zeit der Bibliotheca Augusta begann aber erst 1634 unter Herzog August, nach dem sie auch so benannt worden ist. Herzog August hatte überall in Europa Agenten beauftragt, die für ihn Bücher und Handschriften aufkauften, weil er sie auf diese Weise billiger bekam, als es über die Buchhändler möglich gewesen wäre. Er führte selbst die Kataloge in einer leicht erfaßbaren Ordnung nach Sachgruppen in zwanzig Klassen gegliedert – da findet man Theologica, Juridica, Historica, Bellica, Musica, Medica, Physica und so weiter. Die ganze Vielfalt einer aus den Fesseln des Mittelalters ausbrechenden Neuzeit ist dort vertreten. Seine Erfindung, die man heute noch bewundern kann, ist ein riesiges Rad von etwa zwei Meter Durchmesser, auf dem, nach dem Prinzip mancher heutigen Adressen-Verzeichnisse, 120 000 Titel verzeichnet sind – eine Methode, die rasches Auffinden garantiert. Als er starb, umfaßte die Bibliothek bereits 130 000 Bände und war die umfangreichste und vielseitigste, die es zu jener Zeit in Europa gab.

Als junger Prinz hatte der Herzog August in Rostock und Tübingen studiert. An beiden Orten hatte er – noch nicht zwanzigjährig –, als Rektor fungiert. "Das war doch wohl so, wie die Söhne von Monarchen mit 15 Jahren Oberst in einem Garderegiment wurden?"