Von Heinz Daiber

Ein Böllerschuß. Endlich geht es los. Schon vor Stunden haben die ersten Neugierigen, einheimische Straßenkinder und europäische Tramper, die günstigsten Stellungen bezogen. Inzwischen ist die Nacht eingefallen; Auch die teuren Tribünenplätze sind – nun besetzt von wohlhabenden Singhalesen, buddhistischen Mönchen und vor allem: von behäbigen Touristen. Immer wieder haben Polizisten die Trottoirs vor den Tribünen freigemacht, schließlich aber aufgegeben. So gelang es uns, im letzten Augenblick noch gute, kostenlose Plätze im Rinnstein zu besetzen.

Wir hatten uns vorher in den "Tempel des Zahns" gedrängelt, um zu sehen, wie der mächtigste Elefant, der "Maligawa tusker", angeschirrt wurde. Man hatte ihm eine silberbeschlagene Schabracke übergezogen, die auch Stirn und Rüssel bedeckte und mit ihren großen Gucklöchern für die Äuglein wie eine Maske wirkte. Auf die Spitzen der Stoßzähne wurden silberne Hütchen mit je einer Bommel gesteckt. Ein Treiber drückte den Riesen gegen eine Brüstung, damit ein Taber-Dakel mit einem kleinen Baldachin auf den Bukist die Legende schön: Eine indische Prinzessin soll den Zahn aus Orissa nach Ceylon gebracht haben, in ihrem hochaufgetürmten Haar verborgen. Im Tempel von Kelaniya, acht Kilometer nordwestlich von Colombo, zeigt ein Fresko die Prinzessin auf der Wanderung. Barfuß überwand sie Tausende von Kilometern, so lieblich und zart gewandet, als ginge sie vom Bad ins Schlafzimmer. Der Zahn hatte verschiedene Aufenthaltsorte, bis ihm Ende des siebzehnten Jahrhunderts der Tempel in Kandy gebaut wurde. Seitdem ist die alte Königsstadt Pilgerzentrum, ihr Tempel der ranghöchste auf Ceylon.

Die erste Tanzgruppe kommt, die berühmten Kandy-Tänzer, ehemals eine Kaste, die nicht ins Ausland reisen durfte. Zu immer schneller werdendem Getrommel immer rasendere Bewegungen: breitbeinig von einem Fuß auf den anderen tretend, die Arme starr erhoben, mit eingewinkelten Handtellern. Wehende Röcke, Schmuck um die Hüften, auch Ketten um den Hals, geschmückte Frisuren oder Tücher um den Kopf geschlungen, Leibchen oder nackte Oberkörper. Keine Frauen dabei, im ganzen Zug keine Frau. Eckzahns von Buddha hineinlegen konnte. Plötzlich strahlten Glühbirnchen vom Baldachin bis zu den Stoßzähnen: Der ganze Elefant war elekinfiziert.

Die Reliquie ist so kostbar, daß sie im Sanktuarium bleibt, einem zweistöckigen, beschnitzten und bunt bemalten Holztempelchen im Hof des großen Tempels. Ungläubige sagen, auch der "echte Zahn" sei nicht echt. In jedem Fall noch Schwierigkeiten haben mit den Schritten. Wenn der Zug stoppt, kommt es zu. Sondervorstellungen.

Stockungen sind auch die Chance, die Beleuchtung zu verbessern. Armselige, überwiegend dunkelhäutigere, halbnackte Männer schleppen lange. Stangen, an deren Spitzen, in gelenkig montierten Eisenkörbchen, Feuer lodert und qualmt. Will das Zeug nicht richtig brennen, wird der Feuerkorb auf den Straßenrand geschlagen, Flämmchen züngeln. Wir Zuschauer im Rinnstein werden geräuchert. Die Tänzer vermeiden ängstlich, hineinzutreten. Nur die Würdenträger und die Polizisten tragen Schuhe.

Was machen Elefanten, wenn sie in Glut treten? Nichts, es müssen unglaublich gutmütige Tiere sein. Gleichmütig ertragen sie Lärm, Feuer und die Piken der Treiber. Ungefähr hundert der grauen Giganten sind im Zug, alle mit leuchtenden Birnchen bestückt. Von vorn sehen sie majestätisch aus, die betuchten dicken. Hintern wirken komisch.