Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im September

Die Nahostkrise vor genau zwanzig Jahren ließ zum erstenmal einen Riß zwischen Moskaus und Pekings Westpolitik erkennen. Mao wollte Waffen und Freiwillige gegen die Landung der Westmächte in Jordanien und im Libanon einsetzen. Chruschtschow war für Verhandlungen. Welchen Rollenwechsel die roten Kolosse inzwischen vollzogen haben, zeigt Camp David. Die Chinesen würden den kleinsten Fortschritt dort begrüßen – wenn er nur die Russen träfe. Die sowjetische Propaganda hingegen schießt aus vollen Röhren gegen den Nahost-Dreiergipfel.

Camp David ist für Moskau ein "antiarabisches Komplott" (Prawda), "das auf die Stärkung des amerikanischen Imperialismus im Nahen Osten zielt" (Istwestija) und gleichzeitig der "Versuch, die Politik der separaten Abmachungen vor dem endgültigen Scheitern zu retten" (Prawda). Da die USA jetzt ihre Profite aus den separaten Absprachen ziehen wollten, so das sowjetische Parteiorgan, hätten sie die Öffentlichkeit bereits auf die Umwandlung ihres Nahost-Engagements in eine direkte militärische Einmischung vorbereitet. Ihre Ziele seien nach eigenem Eingeständnis die Stationierung amerikanischer Truppen auf dem westlichen Jordanufer und ein US-Luftwaffenstützpunkt auf der Sinai-Halbinsel.

Carters vage Andeutungen in dieser Richtung haben den Kreml in Rage gebracht. Moskaus Engagement in Nahost – einst eine Reaktion auf die Bemühungen von US-Außenminister Dulles, militärische Bündnisse an der Südflanke der UdSSR aufzubauen – wird heute diktiert von imperialem Prestigedenken, Ölinteressen und der Afrikapolitik des Kreml. Doch auf dem Treibsand der radikalen Araberstaaten kann die UdSSR nicht bauen. Sie hält sich zwischen den wechselnden Koalitionen vor allem als potentieller Waffenlieferant. Eine Friedenslösung ist für die Sowjetunion daher nur wünschenswert, wenn sie dabei als Garantiemacht ihre Präsenz in Nahest verankern kann.

Deshalb verurteilt Moskau jeden amerikanischen Alleingang. Die Genfer Konferenz, bei der die Sowjetunion als Co-Vorsitzender dabei ist, wird monoton als bester Weg zum Frieden gepriesen – so erst wieder in der vergangenen Woche beim Besuch des syrischen Außenministers Chaddam. Mit Chaddam ist dem Vernehmen nach auch die Idee erörtert worden, Camp David mit einem Gegenkonzil der radikalen Araber und der Verdammung Sadats zu beantworten. Doch an eine solche Einheitsfront ist ernsthaft nicht zu denken.

Trotz Moskaus Polemik gegen Camp David scheint die monatelange Talfahrt in den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen abgebremst. Das Moskauer Fernsehen bemühte sich um eine symbolische Geste: Es zeigte die gutgelaunt heimkehrenden Urlauber Breschnjew und Carter unmittelbar hintereinander. Zuvor schon hatte der sowjetische Parteichef gegenüber dem US-Geschäftsmann Arnold Hammer seinen Wunsch nach einem baldigen Treffen mit Carter unterstrichen. Die US-Administration demonstriert derweil Lernfähigkeit. Sie läßt ihre variierten Salti-Vorschläge durch einen hohen Unterhändler nach Moskau bringen, damit sich Gromyko auf die neue Salt-Runde mit Vance am Rande der UN vorbereiten kann. Der konservative US-Botschafter Molcolm Toon, der sich in Moskau stets pessimistisch über die Chancen für Salt geäußert hatte, wirbt zur Zeit in Amerika bei den Senatoren für das Abkommen.

Hat die chinesische Sommeroffensive den Kreml flexibler werden lassen? Sowjetische Gesprächspartner bringen jedenfalls unverblümt ihre Sorge zum Ausdruck, daß der "Brzezinski-Flügel" die strategischen Interessen Amerikas mit denen Chinas koordinieren wolle. Pekings Idee, eine internationale antisowjetische Front zu schaffen, so heißt es, sei jetzt in das Stadium der praktischen Verwirklichung getreten und im Zentrum stehe nach den Plänen Pekings das amerikanisch-chinesische Verhältnis.