Psychosozialer Streß – der modische Prügelknabe für vielerlei Leiden – konnte bisher in keiner Studie als eigenständiger Risikofaktor bei bestimmten Erkrankungen, wie beispielsweise koronare Herzkrankheiten, identifiziert werden. Er wirkt jedoch als zusätzlich schädliches Element bei bereits bestehenden Störungen, wobei die individuelle Empfindlichkeit sehr stark schwankt. Beim Karlsruher Therapiekongreß berichteten Mediziner letzte Woche, daß Frauen den Streß von Schicht- und Akkordarbeit trotz der Doppelbelastung im Haushalt wesentlich besser ertragen als Männer, sofern sie von ihrer näheren Umgebung anerkannt werden. Geklagt wird vornehmlich über mangelnde Zuwendung der Angehörigen und engeren Bekannten. Für Frauen scheint das Familienklima also wesentlich entscheidender zu sein als berufliche Belastung, bei Männern ist es gerade umgekehrt. Je schwerer bei beiden die vornehmlich familiäre Überlastung ist, um so weniger äußern sie Klagen, und desto unspezifischer werden die körperlichen Beschwerden, wie der Ulmer Allgemeinarzt Professor Siegfried Häussler beobachtete. Schwierigkeiten am Arbeitsplatz werden dagegen drastisch geschildert, wobei eine exakte Symptomatik von Herzjagen bis zu Magenbeschwerden darauf zurückgeführt wird. Dauer-Streß kann zu einer regelrechten Süchtigkeit führen, von der sich manche Menschen dann auch in den Ferien kaum befreien können. Bei der Streß-Bewältigung kommt denn auch, wie in Karlsruhe zu hören war, regelmäßiger körperlicher Betätigung, autogenem Training und beruhigenden Gesprächen größere Bedeutung zu als dem Einsatz von Psychopharmaka. MB

Rechenstörungen schulpflichtiger Kinder werden im Gegensatz zu Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten noch kaum erkannt, geschweige denn behandelt, obwohl bereits vor 50 Jahren auf dieses Phänomen hingewiesen wurde und die wegweisende Arbeit, ein Buch von Professor Curt Weinschenk, schon fast zehn Jahre alt ist. Der Marburger Kinderpsychologe und -psychiater forderte unlängst bei einem Kongreß des Bundesverbandes Legasthenie mehr Aufmerksamkeit insbesondere für die angeborenen und die durch Hirnschädigungen erworbenen Rechenstörungen bei normal intelligenten Kindern. Anders als die Rechenstörungen bei angeborenem oder erworbenem Schwachsinn (und auch als die "psychogenen" Rechenstörungen, die oft schon durch einen Lehrerwechsel behoben werden können) müßten diese Formen von Rechenschwäche sonderpädagogisch behandelt werden – genau wie die Legasthenie, die bei 80 Prozent der normal intelligenten Kinder mit angeborener Rechenschwäche gleichzeitig diagnostiziert werden kann. Bislang werden diese Schüler erst dann einem Arzt vorgestellt, wenn sie bereits schwere Verhaltensstörungen entwickelt haben. Weinschenks Tip für Eltern und Lehrer: Das Fingerrechnen älterer Schulkinder sollte als Fingerzeig auf eine Rechenschwäche verstanden – statt verboten – werden. ES