Ich glaube, keines der Gehälter, die bei uns bezahlt werden, das meine eingeschlossen, erlaubt es, Reichtümer anzusammeln", murrte Josip Broz Tito am 3. Februar 1976 in einem Interview mit der Zeitung "Vjesnik" in Zagreb. Gewiß nicht. Denn der jugoslawische Bürger verdient im Durchschnitt etwa 750 Mark im Monat; und nach der Theorie sollte eigentlich niemand mehr verdienen als das Fühffache davon.

Aber siehe da: Zu Titos Ärger gibt es eine stattliche Zahl jugoslawischer Bürger, die sich eines Vermögens von zehn Millionen Dinar (gut eine Million Mark) nicht gerade rühmen, den Reichtum aber auch nicht verstecken. Damit kauft man sich ein Auto, westliche Marke, in Jugoslawien zusammengebaut; in den Städten eine Eigentumswohnung; an der Meeresküste und in touristischen Zentren eine "Vikendica", also eine Weekend-Wohnung, modern, mit ausgesuchtem Komfort. Natürlich darf niemand mehr als eine Vikendica haben, aber man läßt eben die Familie ins Grundbuch eintragen. Mit Reisen in Europa hält man sich wenig auf, man bevorzugt die Balearen und den Fernen Osten. Der Dinar ist fast eine harte Währung, von Gastarbeitern kann man jede Menge Dollar und Mark (schwarz) kaufen.

Nicht so sehr die Ausnahme vom sozialistischen Gleichheitsgelöbnis erschreckt Tito; er lebt ja selber wie ein Fürst. Treffen muß ihn aber die Gleichgültigkeit, mit der jene Neureichen ihren Besitz vorweisen. Seine Reaktion wirkt freilich mäßig. Was in der Sowjetunion mit langjährigen Zuchthausstrafen und für manchen Schieber sogar vor dem Hinrichtungspeloton enden würde, das hat in Jugoslawien gerade zur Einrichtung von "Kommissionen" zur Untersuchung und Konfiskation des illegalen Reichtums gereicht; und über die macht man sich schon lustig. Ein von geschickten (und reich gewordenen) Anwälten virtuos gehandhabtes Rechtssystem schützt im totalitären Jugoslawien auch die Bürger, die sich am Sozialismus vergangen haben.

Jugoslawisches Unternehmen kauft sich in Deutschland ein

Die Körting Radio Werke GmbH im bayerischen Grassau haben 1300 Mitarbeiter. Als einer ihrer Hauptabnehmer, Elac in Kiel, pleite machte und ein anderer, Neckermann, in Schwierigkeiten geriet, schien auch der Konkurs von Körting unabwendbar – bis Ende Juni 1978 die jugoslawischen Gorenje-Werke mit Sitz inVelenje (Slowenien, nördlichste Provinz Jugoslawiens, Nachbar Österreichs) Körting übernahm. Gorenje-Werke? Das "Handelsblatt" (21. 6. 1978) läßt sich von seinem Korrespondenten aus Belgrad berichten, Gorenje sei "ein verstaatlichtes jugoslawisches Unternehmen" oder (19.6.) einfach "eine jugoslawische Staatsfirma". Der "stern" (29.6.) spricht vom "halbstaatlichen slowenischen Elektrokonzern Gorenje (seit Jahren Abnehmer von Körting-Bauteilen)". Und die "Süddeutsche Zeitung" vom 23. 6. 1978 spricht vom "jugoslawischen Selbstverwaltungskonzern Gorenje aus dem Alpenland Slowenien".

Was sind das für Unternehmen? Sind sie nun staatlich, halbstaatlich oder selbstverwaltet? Ist Jugoslawien nun arm oder reich? 750 Mark monatliches Durchschnittseinkommen – aber mehrere tausend Millionäre und Millionen für den Ankauf von Körting?

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