Die derzeitigen Umsatzsteigerungen im Reisegeschäft haben wieder einmal einen neuen Veranstalter auf den Plan gerufen. Auf dem Titelblatt seines ersten Prospektes, der in diesen Tagen im wahrsten Sinne des Wortes zum Versand kam, hebt sich ein Ferienjet in die Lüfte und kündigt "Urlaubsqualität zu vorteilhaften Preisen" an. Dieses Versprechen gibt das Versandhaus Baur in Burgkunstadt, das nun nach längerer Vorbereitungszeit reiseaktiv wird. Andere Handelsketten stehen kurz vor dem Start ins verheißungsvolle Feriengewerbe.

Baurs. Angebot entstand nicht im Alleingang, Geburtshelfer waren der Münchener Veranstalter Nova Reisen, ISTS Intercontinental und Intercontinental-Reisen-München/Hans Berndt KG sowie die Frankfurter Firma Ibero Tours. Sie haben für Baur kein gesondertes Programm erarbeitet, sie stellen dem Versandhaus nur ihre eigenen Angebote zu denselben Preisen zur Verfügung.

Stimulans schafft Baurs Reisekatalog aber durch branchenunübliche Rabatte und günstige Zahlungsbedingungen, durch die er seinen "Zulieferern", die ja ihre eigenen Angebote zu festen Preisen selbst und über Reisebüros verkaufen, Konkurrenz macht. Bucht nämlich einer der 200 000 Sammelbesteller eine Baur-Reise, erhält er automatisch eine fünfprozentige "Unkostenerstattung". Die Sammelbesteller können ihre Mitbesteller von den, ihnen nachgelassenen fünf Prozent ganz oder teilweise profitieren lassen. Ein weiterer Anreiz ist auch die Möglichkeit, ein Viertel des Reisepreises erst 60 Tage nach Rückkehr aus dem Urlaub zu bezahlen – ein zinsloser Kredit. Es ist nicht unproblematisch, angesichts der Verlockung für den Kunden, nach einer nicht zufriedenstellenden Reise zu reklamieren, um so das restliche Viertel des Preises einzubehalten.

Wer "Sammelbesteller" ist und somit zu Reise-Rabatten (verglichen mit Nova-, Intercontinental- oder Ibero-Preisen) kommt, wird in Burgkunstadt im Halbdunkel gelassen. Daß sich auch Einzelreisende als vorgebliche Sammelbesteller der Verbilligungen bedienen können, wird in dem Versandhaus nicht dementiert. Sie müssen nur mit einer Enttäuschung rechnen: In den ihnen als künftigen Sammelbestellern zugeschickten Unterlagen wird neben den fünf Prozent Minus noch ein weiteres Prozent als Jahresbonus versprochen. Dieser Rabatt soll aber, wie Baur versicherte, den Reisekunden nicht gewährt werden

Der Baur-Versand wird aber nicht das letzte Unternehmen bleiben, das artfremd in das Reisegeschäft eintritt. So stehen die Pläne des Bekleidungshauses Hettlage, in seinen Filialen in Mönchengladbach, Bonn und Bochum. Reisen zu verkaufen, kurz vor der Realisierung, in Dortmund wird am 1. Oktober das erste Hettlage-Reisebüro eröffnet. Ähnliche Pläne sind von Edeka bekannt, und auch dem Otto-Versand sagt man nach, seine früheren Reiseaktivitäten (vor etwa zehn Jahren mit dem Reiseveranstalter Hummel begonnen und bald darauf eingeschlafen) wieder aufzunehmen.

Der Drang in das Gewerbe mit der verderblichen Ware "Reise" hat zwei Gründe: Die Handelshäuser wollen ihren Konkurrenten diesen Kundenservice nicht allein überlassen. Überdies errechneten sie wohl, daß die Rentabilität des Geschäfts mit den Ferienträumen längst keine "quantité négligeable" mehr ist.

Sybill Ehmann