Von Ariel Dorf man

Am 11. September jährt sich zum fünften Male der Tag des Militärputsches in Chile: Anlaß für diesen Beitrag des 1942 geborenen chilenischen Schriftstellers Ariel Dorfman, der seit 1973 im Exil in Amsterdam lebt und Koordinator im Zentrum, für die "Verteidigung chilenischer Kultur" ist. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Para leer al Pato Donald", das er gemeinsam mit A. Mattelaart verfaßt hat. Es erschien im vergangenen Jahr auf deutsch im Basis Verlag, Berlin, unter dem Titel "Walt Disneys Dritte Welt".

Fünf Jahre nach dem blutigen Sturz der Regierung Salvador Allendes ist das Chile-Bild nahezu unverändert: ein leidendes, schweigendes Land, mehr Friedhof als Land, mit wenig Hoffnung auf Veränderung. Elend, Folter, willkürliche Verhaftungen, Ausweisungen und das nicht endende Drama der Vermißten (jener, die ohne Eingeständnis der Regierung jahrelang arrestiert sind) bestätigen, daß Schmerz zum Bestandteil chilenischen Lebens geworden ist. Aber das Schweigen? Das ist ein anderes Thema. Die Jahre des Terrors haben das Volk nicht zum Verstummen gebracht. Möglicherweise können Fremde das Flüstern, das kaum hörbar nach draußen dringt, nicht in Worte umsetzen und die – Sprache des Widerstandes nicht verstehen. Es redet von der vielschichtigen Rebellion einer ganzen Nation, mit einem Alphabet aus kleinen Hoffnungen und mutiger Arbeit. Die Chilenen leiden nicht schweigend.

Man hat oft gesagt, Chile sei eine Generalprobe für die Apokalypse, wo die Multinationalen heute Formeln ausprobieren, die schon morgen auf höher entwickelte Länder angewendet werden könnten: ein Experimentierfeld in der Dritten Welt. Vierzig Jahre nach Hitler und Mussolini ist mein Land die Reinkarnation des Faschismus, jedoch im Stil des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Aber wir symbolisieren heute noch etwas anderes: eine Art von Heldentum, das sich aus alltäglichen, vielleicht trivialen Gesten der kleinen Leute zusammensetzt und uns, die wir an Technicolor-Träume gewöhnt sind, möglicherweise langweilt.

Wenn die zentrale Botschaft aus Chile nicht lautet, daß es leide, sondern daß es dem Leiden Widerstand entgegensetze, und wenn dazu die Gewißheit kommt, inmitten der Trümmer der Niederlage neue Horizonte entdeckt zu haben, dann sollten wir auch mit Außenstehenden, die typisches Mitleid oder empörten Moraltourismus vermeiden, in Verbindung treten. Wenn sie verstehen, was heute in Chile geschieht, können wir unser authentisches Gespräch anbieten und auch ihre authentische Solidarität verlangen.

Im letzten Jahr, polemisierte man in den USA und anderswo über eine mögliche Kulturblockade Chiles. Einige verlangten den totalen Boykott: Am besten solle man das wilde, ansteckende Ungeheuer allein lassen. Andere beharrten darauf, daß kein Volk zur geistigen Isolierung verurteilt werden dürfe. Viele haben mich voller Zweifel gefragt, ob sie, eingeladen, eine mögliche Reise nach Chile akzeptieren sollten oder nicht. Was tun? Solidarität, ja. Aber mit wem? Die einzig mögliche Antwort liegt in einer Analyse dessen, was jetzt im chilenischen Kulturbereich geschieht.