Die bemerkenswert hohen Börsenumsätze in Aktien, bei denen die Dividendenzahlung unmittelbar bevorsteht, macht deutlich, daß es Aktionärskreise gibt, denen an einer Ausschüttung nichts gelegen ist. Auf der gleichen Linie liegt die steigende Nachfrage nach Aktien, bei denen von vornherein mit keiner Dividendenausschüttung gerechnet zu werden braucht. Wer diese Papiere kauft, will nicht an der Dividende verdienen, sondern möglichst steuerfreie Kursgewinne erzielen.

Das Börsenjahr 1978 ist wesentlich durch die Körperschaftsteuerreform geprägt worden. Unter Berücksichtigung der jetzt zur Bardividende gewährten Steuergutschrift (jeweils 9/16 der Bardividende) haben die deutschen Aktionäre meist eine höhere Ausschüttungssteigerung erlebt. Auf diese Weise kam die Rendite der Aktien der Rentenrendite sehr nahe; in Einzelfällen ist sie sogar den festverzinslichen Papieren überlegen.

Aber nicht alle Besitzer deutscher Aktien kommen in den Genuß der Steuergutschrift. Die große Gruppe der ausländischen Aktionäre ist diskriminiert, weil ihnen niemand diese Gutschrift einlöst. Benachteiligt sind auch Stiftungen und gemeinnützige Einrichtungen, die ohnehin keine Steuern entrichten und infolgedessen auch keine Verwendung für Steuergutschriften haben. Und dann sind da noch jene, die es nicht für opportun halten, ihrem Finanzamt Steuergutschriften zu präsentieren, nach dem Motto "Man soll keine schlafenden Hunde wecken!".

Diese Aktionärsgruppe muß es sich dafür gefallen lassen, daß ihre Einnahmen aus Dividenden konfiskatorisch besteuert werden. Sie verzichten nicht nur auf 9/16 der Bardividende (Steuergutschrift), sondern auch noch auf die Anrechnung von 25 Prozent Kapitalertragsteuer. Oder anders ausgedrückt: Von der Gesamtausschüttung führen sie 52 Prozent "freiwillig" an das Finanzamt ab.

Kein Wunder, wenn es Effektensparer gibt, denen an Dividenden nichts liegt und die versuchen, statt dessen an den Aktienkursen zu verdienen. Und wenn Aktien länger als sechs Monate im Portefeuille bleiben, ist der danach realisierte Kursgewinn sogar noch völlig steuerfrei.

Daß es vielen Aktienbesitzern offenbar schwer gefallen ist, sich auf die neue Denkungsweise einzustellen, läßt sich daran ermessen, daß die meisten bis unmittelbar vor der Dividendenzahlung an ihren bisherigen Papieren festhalten und erst dann auf die Suche nach Papieren gehen, die ihrer neuen Anlagestrategie Rechnung tragen. Die Anteilseigner von Aktienfonds handeln ähnlich. Unmittelbar vor der ersten Ausschüttung nach dem neuen Körperschaftsteuergesetz kam es bei den ADIG-Aktienfonds zu einer Rückgabewelle. Auch dafür werden steuerliche Gesichtspunkte verantwortlich gemacht.

Tatsächlich ließ sich, rückblickend betrachtet, an vielen dividendenlosen Aktien erstaunlich gut verdienen. Nehmen wir als Beispiel die Pegulan-Stammaktien, die im Gegensatz zu den Vorzugsaktien der Gesellschaft für 1977 noch dividendenlos geblieben sind. Der Kurs der Stammaktien ist seit Jahresbeginn von 109 auf 175 Mark gestiegen. Natürlich nicht nur, weil es der Gesellschaft gelungen ist, ihre Misere zu überwinden, in die sie durch die Geschäftspolitik ihres früheren Großaktionärs geraten war. Eine ausschlaggebende Rolle spielte auch die Übernahme der Majorität der Stammaktien durch die Interversa, Tochtergesellschaft der britischen B.A.T. Für 1978 werden wohl auch die Stammaktionäre mit einer Dividende rechnen müssen. Für viele Aktionäre dürfte dann die Zeit des Abschiednehmens gekommen sein, zumal der Kurs ohnehin schon eine ansehnliche Höhe erklommen hat.