Eine vortreffliche Idee: Schriftsteller komponieren ein Lesebuch. Ihr Lesebuch. Auswahl und Anordnung der Texte machen deutlich, wes Geistes Kind der Autor ist, in wessen Schule er ging, wie seine Klassiker und Anti-Klassiker heißen, wen er zur Aufnahme in die Akademie der Unsterblichen vorschlägt und wem er nahelegt, sich künftig im Pantheon ... der Poesie nicht mehr blicken zu lassen. Eine Reihe, von Hubert Fichte eröffnet und von Heinrich Böll fortgesetzt: Da präsentieren sich Schriftsteller sehr viel anschaulicher als durch eine Fülle von Interviews und ihnen abgezwungener Selbst-Porträts – anschaulicher und, dies vor allem, dezenter.

Indem Böll benennt, welche Literatur ihn fasziniert (Beschreibung "familiärer" Szenen, Darstellungen von Außenseitern, deren Moralität, eine Ethik der Erfolglosen, die Schlagkraft einer sogenannten Verwaltung ad absurdum führt) – indem Böll Jesu Bergpredigt und Rosa Luxemburgs Verteidigungsrede vor dem Frankfurter Landgericht zueinanderrückt, zeigt er, indirekt und verweisend: Dies bin ich. So möchte ich verstanden sein.

Zugleich aber, dies ist der zweite Gewinn für den Leser, rücken mit dem Autor, der sie arrangiert, auch die Texte in eine neue Dimension des Verständnisses: Wenn, wie in der berühmten "battle of books", Dostojewskij mit Camus zusammenstößt, die reformatorischen Bekenner ihren Bruder in Christo, Vincent van Gogh, finden und die um Leib und Leben betrogenen Juden jenem Bankier Kurt von Schröder begegnen, der Anno ’33 schreibt: "Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange Zeit, an der Macht bleiben würde" – wenn sich, Seit’ an Seit’, Brüder so gut wie Todfeinde zueinander gesellen, zeigt sich das Vertraute und Eingeordnete plötzlich in neuer Beleuchtung. Nie geahnte Verbindungen zeichnen sich ab; Gräben werden sichtbar, deren Tiefe der Leser unterschätzte. Plaudert hier Charles Dickens mit der reizenden Mrs. Dalloway, einer Figur der Autorin Virginia Woolf, so entsteht dort, wo der Gleichnis-Redner von Jerusalem und eine Figur wie Prälat Kaas aufeinandertreffen ("Wer in Deutschland führt, ist an sich herzlich gleichgültig"), striktes und unüberwindbares Schweigen.

Eine Reihe, alles in allem, deren Fortsetzung wir mit einiger Spannung erwarten, wobei bedauerlich ist, daß es die Einrichtung des Autoren-Lesebuchs mitsamt seinem höchstpersönlichen Olymp nicht schon früher gegeben hat (Marxens oder Nietzsches Florilegien: Wie hätten die ausgesehen?) und wobei zu hoffen steht, daß, ist die Reihe erst einmal etabliert, nicht nur Poeten im engeren Sinn zu Wort kommen werden.

Wie zum Beispiel, fragte ich mich bei der Lektüre der ersten Bände, sieht Herbert Wehners Lesebuch aus?

(FT 2077, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1978; 288 S., 6,80 DM.) Walter Jens