Die Praxis der Rechtsprechung macht uns Sorgen", gestand jetzt Rolf Pagnia, Geschäftsführer von NUR, dem zweitgrößten deutschen Reiseunternehmen. Gerade die Karstadt-Tochter war in jüngster Zeit mehrfach von Gerichtsentscheidungen betroffen, die unter ihren Konkurrenten keineswegs Schadenfreude, sondern besorgte Teilnahme erregten. So erhielten beispielsweise Kunden Recht und Entschädigungen, die ihre Urlaubsflüge kurzfristig wegen Terroristendrohungen absagten oder die mit ihren Ersatzquartieren nicht zufrieden waren, nachdem eine Naturkatastrophe ihr gebuchtes Hotel unter Wasser gesetzt hatte.

Es sind nicht diese leicht zu verkraftenden Einzelfälle, die Pagnia und seinen Branchenkollegen Sorgen bereiten. Sie fürchten vielmehr die Signalwirkung solcher Rechtsprechung, die eine Vielzahl von Kunden dazu veranlassen könnte zu versuchen, per Gang zum Kadi die Urlaubskosten nachträglich zu mindern. "Wie sollen wir kalkulieren angesichts solch unsicherer Rechtslage, selbst bei Risiken, auf die wir beim besten Willen keinen Einfluß haben?" fragen die Veranstalter. Da ist es bis zur Drohung erhöhter Preise als quasi firmeneigener Rechtschutzversicherung nicht mehr weit.

So berechtigt die Beschwerden der Reiseunternehmen im Detail sind, so sehr die Neigung der Kunden wächst, angesichts einer deutlich konsumentenfreundlicheren Justiz fröhlich ums Ferienglück zu klagen – man muß sich aber auch daran erinnern, daß die Ferienveranstalter ein gerüttelt Maß an Schuld für diese Situation tragen: In den nur wenige Jahre zurückliegenden Goldgräbertagen des organisierten Tourismus haben viele in dieser Branche mit Münchhausen-Prospekten Reisenden Ferienparadiese vorgegaukelt, die nur auf Hochglanzpapier bestanden.

Den Weg in die heute meist soliden Pauschalangebote pflastern Urteile zugunsten der Kunden. Fairneß und Kulanz vieler Reisefirmen entstammen nicht nur selbstloser Einsicht; dazu brauchte es auch viel Zeit. Daß nun die Justiz Zeit benötigt für das neue, selten beweissichere Feld, sollte ihr zugestanden werden.

Im Interesse der Reisenden ist der gegenwärtige Trend in der Rechtsprechung zweifelsohne zu begrüßen. Das heißt aber nicht, daß Urteile, die den professionellen Ferienmachern sogar die Verantwortung für "höhere Gewalten" nicht abnehmen wollen, im Sinne der Konsumenten sein können. Solche Richtersprüche schaffen leicht eine Rechtsunsicherheit, welche die Verträge zwischen Tourist und Reiseverkäufer zu einem schwankenden Grund machen. Höchstrichterliche Entscheidungen in strittigen Reisefragen sind deshalb überaus wünschenswert.

Klaus Viedebantt